Die Kunst zu verzeihen

Durch Zulassen der Gefühle einen menschlichen Neubeginn wagen Durch Zulassen der Gefühle einen menschlichen Neubeginn wagen
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Forschung bestätigt positive Wirkung von Vergebung auf die Gesundheit

„Das werde ich dir (oder mir) nie verzeihen!“ ist einer der bittersten Sätze überhaupt. Bitter nicht nur für den anderen, sondern vor allem auch für den Betreffenden selbst. Denn wenn Anderen nicht vergeben werden kann, trifft der Schaden vor allem die eigene Person. 

Ein weiterer Fall kann sein, dass jemand, der sich selbst etwas nicht verzeihen kann, eine unbestimmbare Last empfindet und Lebensfreude getrübt wahrnimmt. 

Oft ist das Unverzeihliche im Unbewussten gespeichert und beeinflusst einen erheblichen Teil der Wahrnehmung, des Fühlens, des Denkens und des Handelns. Warum fällt das Vergeben so schwer? Der Groll kommt oft zu unpassenden Gelegenheiten hoch, beispielsweise bei Familienfesten, bei Situationen, in denen wir möchten, dass alles möglichst harmonisch ablaufen soll. Das erzeugt eine Erwartungshaltung, die als Stress empfunden werden kann. Wenn dann die Erwartung von den anderen nicht erfüllt wird, kann plötzlich Enttäuschung, Trauer, Wut oder Angst auftauchen und das Innere überschwemmen. Das hat zur Folge, dass nicht gelassen mit der Situation umgegangen wird. Mit der schwierigen Situation umzugehen, würde heißen, den eigenen Gefühlen auf den Grund zu gehen. Hier hilft es, sie zuzulassen und zu ergründen, was sie uns sagen wollen. Es könnte sein, dass ein nicht Gesehen werden, ein Gefühl von ausgenutzt werden oder eine Enttäuschung in uns aufkommt. Wir lernen oft schon in unserer Kindheit, unerwünschte Gefühle wie Wut, Enttäuschung oder Frustration zu unterdrücken, bis wir diese Gefühle gar nicht mehr wahrnehmen. Doch wir tun uns selbst und anderen nichts Gutes, diese ungewollten Gefühle zu unterdrücken. Dabei sind wir in der Lage, das mit der Kränkung verbundene Gefühl wahrzunehmen und zu erkennen. Hat der auslösende Moment einen wunden Punkt in uns berührt oder war es wirklich ein unangebrachtes oder verletzendes Verhalten des Gegenübers? 

Durch das bewußte Nachdenken und Zulassen der Gefühle können wir entscheiden, ob wir dem Ärger Platz machen und streiten, in eine Diskussion einsteigen oder ob man besser verzeiht und einen menschlichen Neubeginn wagen kann. Hier geht es nicht um ein Schönreden oder ein Vergessen, auch nicht um ein Verdrängen. Sondern um ein Erkennen, dass man selbst Schwächen hat. Diese zu akzeptieren und genauso wahrzunehmen, dass das eigene Selbst einen wertvollen Kern hat, kann in eine Eigenverantwortung führen, die sich kraftvoll und kreativ anfühlt. Das Schätzenlernen und das Akzeptieren der eigenen Schwächen und Stärken ist sehr hilfreich um auch anderen ihre Fehler und Schwächen zu verzeihen. Verzeihen ist nicht immer leicht. Nach einer gescheiterten Beziehung ist es allerdings besonders nötig. Das Geschehene sollte verarbeitet werden um wieder nach vorne blicken zu können. 

Hilfreich ist hier, das Erlebte aufzuschreiben und es schwarz auf weiß fest zuhalten, damit es aus dem Kopf heraus ist. Durch den Versuch, uns in die Lage des anderen zu versetzen, also durch einen Perspektivenwechsel, eröffnet sich die Möglichkeit, anders auf die verletzende Verhaltensweise zu blicken. Und es kann Neues über sich selbst erfahren werden. 

In der noch jungen Forschung der Vergebung wird die positive Wirkung des Verzeihens auf die Gesundheit bestätigt. Demnach senkt es Blutdruck und Pulsschlag sowie den Spiegel des Stresshormons Kortisol im Blut. Eine versöhnliche Haltung reduziert weiter Muskelverspannungen und Stresssymptome wie Kopf- und Magenschmerzen, Schlafstörungen und Schwindel. Ein Versuch zu Verzeihen lohnt sich immer – egal wie verhärtet die Fronten sind!   

Barbara Seubert
(erschienen in Ausgabe 40, Juli 2019)

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