"Geistheilung" im Blickpunkt

Wer dem Rhythmus des Lebens folgen kann, wird nicht so leicht in eine Starre verfallen Wer dem Rhythmus des Lebens folgen kann, wird nicht so leicht in eine Starre verfallen
© Arthur Braunstein / fotolia

Achtsames Besprechen kann Bewusstwerdung belastender Themen ermöglichen

Das menschliche Wesen umfasst Körper, Geist und Seele – dies bildet eine Einheit, die niemals getrennt voneinander gesehen werden sollte. Um in einem gesunden Körper wohnen zu dürfen, braucht man ein gesundes Denken und Fühlen, sowie eine Seele die sich darin wohl fühlt. Ist diese Einheit gestört und zeigt sich eine Krankheit, hat die Seele die Problematik bereits bearbeitet und diese wird sichtbar.

Wohl schon seit jeher haben Menschen versucht, hier jenseits wissenschaftlicher Erkenntnisse therapeutische Arbeit zu leisten. Gemeint ist in diesen Fällen die so genannte „Geistheilung“, welche ein Oberbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Behandlungmethoden ist, bei denen ein spiritueller bzw. religiöser oder psychischer Einfluss heilende Wirkung auf den Kranken haben soll. Selbst in der Bibel gibt es Stellen, die sich mit dieser Thematik befassen. So wird z.B. in Jak 5,14-15  ausgesagt, dass für die Heilung die „Ältesten der Gemeinde“ zuständig sind. In 1 Kor 12,9 wird ebenfalls über das Thema „Geistheilung“ gesprochen.

Auch in der heutigen Zeit gibt es Menschen, die alternativ oder begleitend zu medizinischen Behandlungen die Zuwendung eines „Geistheilers“ oder einer „Geistheilerin“ in Anspruch nehmen. So hat z.B. in Großbritannien jeder Krankenhauspatient das Recht auf „Spiritual Healing“.

Es scheint, als wüssten „Geistheiler“ intuitiv um die Probleme, die den Hilfesuchenden bewegen. So werden belastende Themen angesprochen und eine Bewusstwerdung geschieht. Dies kann sofort sein oder erst zu einem späteren Zeitpunkt. Durch achtsames Besprechen oder ein Betrachten aus einem anderen Blickwinkel „fällt der Groschen“. Allein dadurch können sich schon Beschwerden reduzieren. 

Leben bedeutet Veränderung. So wie die Natur ihren Rhythmus hat – ein Erwachen, ein sich Öffnen, ein Erschaffen, ein Ernten und eine Zeit der Ruhe –  so hat ihn auch der Mensch. Wenn dieser auch verlernt hat, mit der Natur zu leben und jede Veränderung schwer fällt. Wer dem Rhythmus des Lebens folgen kann, mit all seinen Höhen und Tiefen, wird nicht so leicht in eine Starre verfallen, die eine Manifestation im Körper nach sich zieht.

Lebensräume, Traditionen und familiäre Bindungen lassen Strukturen entstehen, die dem Einzelnen nicht bewusst sind und eine individuelle Freiheit gar nicht zulassen. Oft entwickeln sich aus wiederholten Aussagen Glaubenssätze, die ein Anderssein nicht möglich machen. So sagte z.B. ein Großvater immer wieder zu seinem Enkel: „Der Indianer kennt keinen Schmerz“. Dem Kind fiel es später schwer, bei Schmerzen Gefühle zu zeigen, denn es wollte ja stark wie ein Indianer sein. Wo sollten die unterdrückten Gefühle dann hin? In diesem Fall haben sich sehr früh Süchte entwickelt. Eine Sucht ist immer auch eine Suche.

In einem anderen Fall ist bekannt, dass es einer Frau nicht erlaubt war, sie selbst zu sein. Sie hatte gelernt: Nur wer sich fügt und folgsam ist, wird beachtet und gelobt. Viele Jahre war es ihr kaum möglich, ihre Meinung zu sagen. Sie lebte in einer stabilen Ehe mit vier Kindern und es ging ihr gesundheitlich immer schlechter. Erst als sie den Rat einer intuitiven Therapeutin suchte, wurde es besser. Mithilfe der Unterstützung durch die Heilerin konnte sie die Tragweite Ihres Denken erfassen.

Der eigentliche Sinn der geistigen Arbeit scheint zu sein, dass der Mensch alles ablegen kann, was sich im Laufe der Evolution und des eigenen Lebensweges an Last auf ihn gelegt hat und er so seine Einheit wahrnehmen darf. Die Inanspruchnahme von Heilerinnen und Heilern kann und darf aber in keinem Fall eine ärztliche und/oder psychotherapeutische Behandlung ersetzen!     

Adelheid Praxenthaler
(erschienen in Ausgabe 37, Juli 2018)

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