Natürliche Verbundenheit

Der Mensch kann über den Kontakt zum Pferd sehr viel über sich selbst lernen Der Mensch kann über den Kontakt zum Pferd sehr viel über sich selbst lernen
© M. Auer

Wie durch feine Kommunikation Me nsch und Pferd zu einander finden

Seit schätzungsweise rund 30.000 Jahren vor Christus beschäftigt sich der Mensch mit dem Pferd, hält es als Nutztier und versucht es zu züchten, zu zähmen und zu reiten. Am meisten Bekanntheit genießt heute die Sport- und Dressurreiterei, sowie das Freizeitreiten als Hobby und Ausgleich zum Alltag.

Die Bewegung der natürlichen Verbundenheit zum Pferd allerdings streckt ihre Fühler in eine ganz andere Richtung aus und stellt sich die Frage: Was zeigt mir mein Pferd und warum? Ein Pferd besitzt als Fluchttier äußerst feine Sinne, mit denen es seit Anbeginn der Zeit bis heute überlebt hat. Zwar sind die meisten Pferde über viele Zuchtgenerationen hin vom Menschen domestiziert, der sechste Sinn allerdings, die Wahrnehmung des Feinstofflichen, ist nach wie vor vorhanden.

Da dem Pferd Kommunikationsmittel wie Sprache und Handzeichen fehlen, setzt die Methode der natürlichen Verbundenheit über die Körpersprache an. Pferde haben eine sehr klare Körpersprache, in der sie sich in ihrer Herde und mit anderen Tieren zurechtfinden. Ganz klar spiegelt das Pferd über die eigene Körpersprache das, was ihm der Mensch bewusst oder unbewusst entgegen bringt. Spürt es Ängstlichkeit beim Menschen, wird es selbst unsicher. Es sucht nach Führung und Schutz, ist der Mensch unsicher, wird es auch das Tier. Schafft es der Mensch, Sicherheit und Ruhe auszustrahlen, sich bewusst fest im Boden zu verwurzeln und mit beiden Fußsohlen fest am Boden zu stehen, wird das Pferd plötzlich ruhig und senkt gelassen den Kopf. 

Pferde können sehr dominant sein, da sie den Menschen ständig auf Qualitäten wie Sicherheit und Führungskraft prüfen, wie es auch im Herdenverhalten der Fall ist. Kann der Mensch kein stabiles und sicheres Gegenüber darstellen, läuft es ihm sprichwörtlich die Grenzen ein. Erst wenn sich der Mensch liebevoll aber klar positioniert, sich aufrichtet, mit klarem Blick auf das Pferd, erhobenen Hauptes und freiem Atem, erkennt das Tier den Raum des anderen an. Wie von Zauberhand kann so mit nichts weiter als einem Blick und der Ausrichtung der eigenen inneren Energie das Pferd bewegt werden. Es wirkt fast, als würde ein unsichtbares Band Pferd und Mensch verbinden, als würden Gedanken und Bewegungen ineinander fließen, lediglich über die feine Dosierung von Druck und Rückzug, von Spannung und Entspannung. 

Mit Pferden über die natürliche Verbundenheit zu arbeiten ist eine wundervolle Übung für den Alltag, in dem sich der Mensch genauso in Ruhe und Gelassenheit oder aber im Setzen klarer Grenzen üben muss, wenn es die Situation erfordert. Körpersprache, Atmung und eine deutliche innere Haltung sind hierbei genauso wichtig wie in der Arbeit mit den Tieren. Im Alltag beeinflusst Körpersprache nicht nur den ersten Eindruck, den das Gegenüber hat, sondern auch nachweislich die eigene Stimmung, die Gefühle und das körperliche und seelische Befinden. Die Arbeit mit Pferden wirkt hier klärend und ermöglicht ein Erkennen und Reflektieren der eigenen nonverbalen Signale, die bewusst oder unbewusst ausgesandt werden. 

Der Mensch kann über den Kontakt zum Pferd sehr viel über sich selbst lernen und erkennen, wo es ihm vielleicht noch an Klarheit oder an Gelassenheit mangelt, denn das Tier wird dies unmittelbar und sofort zeigen. Dem Pferd selbst gibt die Arbeit einen Rahmen, in dem es sich sicher und geborgen fühlt, da der Mensch die Rolle des schützenden Leittiers einnimmt. 

Die Arbeit mit Pferden nach Prinzipien der natürlichen Verbundenheit kann sowohl Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung stärken, sowie Pferden mit oder ohne Verhaltensauffälligkeiten helfen, wieder Ruhe und Lebensfreude zu finden.        

Martina Auer
(erschienen in Ausgabe 37, Juli 2018)

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