Eine Milchkuh auf Kredit

Eine Milchkuh auf Kredit
© Christa Sammer

Eine Milchkuh auf Kredit

Traunsteinerin beteiligt am Unterstützungsprojekt für ein indisches Dorf

Kühe sind etwas ganz Normales. Jedenfalls hier im Chiemgau. In anderen Gegenden dieser Welt stellen sie etwas Besonders dar. Dort kann ihr Besitz dazu beitragen, ganze Familien zu ernähren und Kindern eine Schulbildung zu ermöglichen. In diesem Zusammenhang ist Christa Sammer aus Traunstein Mit­initiatorin eines „Kuhprojekts“, welches indischen Frauen Hilfe zur Selbsthilfe bietet.

Was steckt hinter der Idee, sich von Oberbayern aus für Menschen auf einem anderen Kontinent zu engagieren? Dazu erklärt die 69Jährige: Ich war lange Jahre Mitglied im Pfarrgemeinderat der Pfarrei St. Oswald, Stadtkirche Traunstein. In dieser Zeit war es ein großes Anliegen, durch die Eine-Welt-Arbeit verschiedene Projekte zu unterstützen.“ In diesem Rahmen führte eine ihrer Reisen 2001 die Chiemgauerin auch nach Indien in das Dorf Pudur, ganz im Süden des indischen Subkontinents. Dort unterstützte die Pfarrei St. Oswald ein Kinderheim, das gerade im Aufbau war. Dem damaligen Pfarrer Sebastian Heindl war es vorbehalten, als Zeichen der Verbundenheit dieses Kinderheim einzuweihen. „Wir hatten damit auch Kontakt zu dem Fürsorgeverein“, berichtet Christa Sammer, „einem ehrenamtlichen Gremium, das sich in dem kleinen Dorf vor allem der sozial Schwachen annahm“. Weitere Reisen nach Pudur folgten. So auch im März 2015, wo sich eines Abends 30 Frauen des Dorfes spontan im Kinderheim versammelten und Christa Sammer ihren Wunsch nahe brachten, einen Frauenbund gründen zu wollen. Denn dies würde ihnen ermöglichen, mit einem speziellen Projekt zu starten: Die Frauen wollten auf Kleinkreditbasis Kühe erwerben. Den Kredit würden sie in monatlichen Raten zurückzahlen, die sie durch den Verkauf der Milch erwirtschaften würden. Ein Teil der Milch solle zur Ernährung bei der Familie bleiben, den anderen Teil würden sie an ein Milchwerk liefern und hierfür Geld erhalten.

ArtikelbildDazu erläutert Christa Sammer: „Um jedoch auch mit ihren Anliegen gehört zu werden, war es für die Beteiligten von großer Wichtigkeit, ein eingetragener Frauenbund zu werden. Es fehlten den Interessentinnen jedoch die finanziellen Mittel für Notarkosten, Eintragung in das Vereinsregister und das Erstellen einer Satzung“. Die Traunsteinerin erklärt weiter: „Ich hatte damals vom Frauenbund in Traunstein einen Betrag mitbekommen mit der Weisung, ihn dort einzusetzen, wo ich glaubte, dass es eine sinnvolle Unterstützung sei. So konnte ich spontan zusagen, dass die Gründung eines Frauenbundes nicht an den Kosten scheitern solle und leistete den erforderlichen finanziellen Beitrag.“

Einige Monate nach Christa Sammers Besuch konnten die Frauen mit ihrem „Kuhprojekt“ beginnen. Der hierfür nötige Kredit für eine Kuh – 350,00 EUR – war den Frauen übergeben worden. Dieses Startkapital hatte Christa Sammer durch Spenden u.a. von Kolping Traunstein und Traunreut, vom Frauenbund und mehreren Privatpersonen zur Verfügung stellen können. Bei einem weiteren Besuch 2017, bei dem auch Pfarrer Sebastian Heindl, der nunmehr das Projekt auch von Rosenheim aus unterstützt, mit dabei war, konnte sie Geld für weitere Kühe übergeben. Den Begünstigten werden für den Kleinkredit keine Zinsen abverlangt. Durch die monatliche Rückzahlung der Raten kann dann die nächste Familie mit einem Kleinkredit bedacht werden. Heute gibt es im Dorf bereits 65 Kühe, verteilt auf 37 Familien. Die Frauen erzielen durch die Milchwirtschaft ein regelmäßiges Einkommen. Oft handelt es sich bei ihnen um Witwen oder die Ehemänner sind Tagelöhner. Gerade jetzt in Corona-Zeiten ist das Milchgeld eine wichtige – oft auch einzige – Einnahmequelle. „Den Milchtransport haben die Frauen selbst organisiert“, berichtet Christa Sammer. „Wenn die Milch in die großen Kannen – wie früher bei uns – gefüllt ist, kommt ein großes Milchauto zur Sammelstelle, welches sie abholt und leere Behältnisse abstellt.

Christa Sammer stellt fest: „Mir persönlich ist wichtig, dass man den Frauen zutraut, dass sie das Projekt gut führen und sie selbst wissen, was ihre Probleme sind. Und ich leiste im Rahmen meiner Möglichkeiten ein wenig Hilfe dazu.“ Sie bedauert: „Durch Corona bedingt, wird es leider noch einige Zeit dauern, bis wieder ein Besuch in Indien möglich ist. Durch die modernen Kommunikationsmöglichkeiten ist man aber in Verbindung und das ist eine große Erleichterung für beide Teile.“

Die Traunsteinerin finanziert sich alle Ihre Reisen selbst. Soziales Engagement ist für die rüstige Rentnerin Teil ihres Lebens. „Ich denke“, sagt sie, „ich habe meine Aufgabe im Leben gefunden“. Sie unterstützt mit viel persönlichem Einsatz sozial schwache Menschen bei ihrem Selbsthilfeprojekt. „Die Frauen und ihre Familien können so ein klein wenig besser leben, dank einer Kuh“. Eine Kuh – welch ungeahnter Reichtum!

Lutz A. Kilian
(erschienen in Ausgabe 44, November 2020)

                   

 

 

 

 

 

 

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