"Am Schönsten ist das Naturerlebnis"

"Am Schönsten ist das Naturerlebnis"
© Roland Kirr

"Am Schönsten ist das Naturerlebnis"

Für einen Chiemgauer Lokführer sind Schafe markanter Teil seines Lebens 

Im nördlichen Chiemgau zwischen Pittenhart, Amerang und Obing liegt Altersham, der Wohnort von Roland Kirr und seiner Familie. Im Hauptberuf fährt er als Lokführer bei der Südostbayernbahn Züge im Regionalverkehr. Mit seinem Dienstplan optimal abgestimmt, pflegt er im Nebenerwerb einen alten und schönen Beruf.

„Keinen Bock” zu haben, ist für Roland Kirr dabei eine Vorstellung, die er in seinem Ablauf nicht unterbringen kann: Er betreut 75 Merinoschafe und 10 Pfauenziegen. Von Mitte April bis ca. Weihnachten oder auch länger ist er mit den Tieren auf verschiedenen Weiden zwischen Pittenhart und Trostberg, Kienberg und Seeon anzutreffen. Schwerpunkte dabei bilden Oberbrunn und St. Wolfgang. Dort bleiben die wolligen Vierbeiner bis zum Herbst. Im Anschluss wandert er mit seiner Herde – je nach Futterangebot – zwischen St. Wolfgang und Altersham nach bewährter Schäferart von Weide zu Weide, um das Auswuchsgetreide auf den Feldern und nicht mehr genutzte Grünlandbestände bestmöglich zu verwerten. Immer dabei ist Jack, der Bordercollie, „ein unverzichtbarer Helfer bei der Hütearbeit“, wie Roland Kirr betont.

„Mein Opa hatte schon Schafe, mein Vater auch“, erzählt der gebürtige Bad Endorfer. Von meinen Eltern habe ich dann 2002 den Betrieb übernommen“, fährt er fort. Zum „Brotberuf“ freilich genügt das nicht. So hatte Roland Kirr vorausschauend eine Lehre zum Industriemechaniker gemacht. „Die Ausbildung erfolgte bei der Bundesbahn. So war es für mich naheliegend, im Anschluss eine weitere Qualifizierung zum Lokführer zu machen“, erinnert er sich. „Damals war der Lokführer vergleichbar mit einer Meisterausbildung.“ Die hat er auch in seinem Nebenberuf. Der etwas sperrige Titel dazu lautet „Tierwirtschaftsmeister Fachrichtung Schäferei.“ Zuständig für die Lehrlings- und Meisterausbildung ist die Landesanstalt für Landwirtschaft. „Es gibt noch einige Ausbildungsbetriebe in Bayern, die bei der LfL erfragt werden können. Leider ist die Nachfrage nach diesem Beruf stark rückläufig“, bedauert Roland Kirr.

Seine Profession erfordert viel „Herzblut“ und persönliches Engagement. So war er die letzten sechs Jahre 1. Vorstand der Schafhaltervereinigung Rosenheim. Aus Zeitgründen hat der Altershamer dieses Amt jedoch abgegeben. Jeden Tag fallen z.B. 1-2 Stunden Stallarbeit an. Weidezäune müssen auf und abgebaut, eventuell Brombeeren und Brennnesseln nachgemäht werden. Zweimal im Jahr ist Klauenschneiden angesagt, auch müssen die Tiere wiederkehrend entwurmt werden. Immer, nachdem der Schafscherer seine Arbeit getan hat, muss die hochwertige Wolle in die Weberei gebracht werden. Trotz des großen Arbeitsaufwands freut sich der Schäfer: „Die Arbeit auf den Weiden inmitten der Schafe, das Naturerlebnis ist am schönsten.“ 

Solange es die Witterung erlaubt, bleibt er mit der Herde draußen. „Durch die Wolle ist das Schaf bestmöglich vor allen Wetterwidrigkeiten geschützt“, erklärt Roland Kirr. „Wir nutzen aber Waldränder und Feldgehölze bestmöglich aus, um den Tieren Schatten und Wetterschutz zu bieten. Im Winter ist lockerer Schnee bis 20 cm noch kein Problem. Erst wenn sich eine harte harschige Schicht bildet, kratzen sich die Schafe die Klauen wund. Da müssen wir in den Stall. Die lammenden Schafe kommen aber sowieso in den Stall, und im Februar kommen dann auch die letzten rein. Diesen Winter hätten wir aber locker draußen bleiben können“, stellt  er fest.Herde

Seine kuscheligen Wiederkäuer leisten einen wichtigen Beitrag zur Natur- und Landschaftspflege. So weiß Roland Kirr: „Durch den tiefen Verbiss und die selektive Beweidung und besonders in Kombination mit Ziegen entsteht eine besonders artenreiche Flora und Fauna, die sich nur dadurch entwickeln kann. Keine Maschine könnte die selbe Wirkung herbeiführen. Und dabei sind unsere „vierbeinigen Rasenmäher“ am umweltschonendsten und am günstigsten im Vergleich zu maschineller Landschaftspflege. Außerdem transportieren die Schafe in der Wolle und im Kot Tausende Samen von einer Weide zur nächsten. So verbinden wir ein Biotop mit dem anderen über mehrere Kilometer.“ Zu seinen Schützlingen hat Roland Kirr eine besondere Beziehung. Für Laien sehen sie zwar alle gleich aus. „Aber wenn man lange genug mit den Schafen zusammen ist, kennt man sie schon auseinander“, schmunzelt er. „Den Leitschafen, den Böcken und den Ziegen habe ich sogar Namen gegeben“.

Tatkräftig unterstützt bei der Arbeit wird der 44jährige von seiner Frau. „Ohne Bernadette  könnte ich unseren Betrieb so nicht führen“, stellt er fest. „Sie hilft mir hauptsächlich im Stall, in der Vermarktung und auch bei den Weidearbeiten“. 

Der Vater von zwei Söhnen würde sich freuen, wenn die Schäferei in der Familie weiter geführt wird. „Ich möchte meine Buam dazu motivieren, den Betrieb eines Tages zu übernehmen und diesen dann zukunftsfähig an sie übergeben.“       

Lutz A. Kilian
(erschienen in Ausgabe 43, Juli 2020)

                   

 

 

 

 

 

 

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