Andreea Nowak

Andreea Nowak
© Lutz A. Kilian

„Ich möcht‘ gern Weltmeisterin werden“

Behinderte Traunreuter Ausnahmeathletin sammelt sportliche Erfolge

Den 22. Juli 2019 wird Andreea Nowak wohl nie vergessen. An diesem Tag wurde ihr eine ganz besondere Ehrung zuteil: Sie erhielt aus den Händen von Ministerpräsident Markus Söder den bayerischen Verdienstorden – eine Auszeichnung, die nur 2000 lebende Personen tragen dürfen. In ihrem Fall erfolgte diese für beeindruckende sportliche Leistungen: Die geistig behinderte junge Frau hat in ihrer Disziplin „Para-Karate“ bisher 30 nationale und internationale Titel erkämpft.

„Sowas wie die Andreea hat es in Traunreut noch nie gegeben“, sagt ihr Sensei (jap.: Lehrer) Richard Schalch über seine Schülerin. „Sie ist das Aushängeschild unseres Vereins.“ Der Vorsitzende des 1. CKKS trainiert die 32jährige seit 13 Jahren und führt sie seitdem von Erfolg zu Erfolg. „Wenn sie im Training startet, bringt sie immer nur 50 Prozent, hat er festgestellt. „Aber wenn es darauf ankommt, läuft sie mit Vollgas“, sagt er lachend. „Dann bringt sie 100 Prozent. Besser als ein Leistungssportler.“ 

Geboren ist Andreea Nowak in Rumänien. „Deshalb die zwei „e“ in meinem Vornamen“, erklärt sie. „Das ist rumänische Schreibweise.“ Seit vielen Jahren lebt sie schon in Traunreut. „Als Kind wollt‘ ich gerne Polizistin werden“, erinnert sie sich. Und erzählt weiter: „Aber auch sportliche Betätigung hat mich schon immer interessiert. So hat meine Mutter nach Möglichkeiten für mich gesucht und mich schließlich mit dem Richard zusammen gebracht.“ Dieser erklärt dazu: „Im Behindertensektor ist Karate Gesundheitssport in allen Bereichen. Dieser Sport ist für jedes Alter und jede Behinderung geeignet.“ Seit 19 Jahren unterrichtet Richard Schalch körperlich und geistig Gehandikapte in der japanischen Kampfkunst. „Behinderte und Karate passen sehr gut zusammen”, weiß er aus Erfahrung. „Das Einüben der Bewegungs- und Atemtechniken beeinflusst Motorik und Gesundheit positiv. Unsere behinderten Sportler haben einen ungemeinen Zugewinn an Lebensqualität.“ Inzwischen stuft sogar die Weltgesundheitsorganisation Karate als therapeutische Disziplin ein. 

So hat sich auch für Andreea Nowak das Leben komplett geändert, seitdem sie Para-Karate mit Konsequenz und Leidenschaft ausübt. Beruflich ist sie bei den Chiemgau Lebenshilfe Werkstätten in Traunreut als Verpackerin tätig. Privat lebt sie ganz für Ihr Hobby: „Karate macht Spaß“, freut sie sich. Mehrmals in der Woche ist sie im „Dojo“, dem Übungsraum, anzutreffen. „Bei Andreea haben sich viele Probleme, mit denen sie wegen ihrer geistigen Behinderung zu kämpfen hat, seit 2008 durch fleißiges Training stetig gemindert“, stellt Richard Schalch fest. „Sie hat z. B. durch die Sportart ihren Gleichgewichtssinn so gesteigert, dass sie das Siegerpodest jetzt problemlos betreten kann. Das, was uns vielleicht als Kleinigkeit erscheint, stellte für sie früher eine nicht zu bewältigende Herausforderung dar.“ Weiterführend erklärt Richard Schalch: „Karate-Sport ist nicht nur gut für die körperliche Fitness, er stellt auch eine effektive Form des Gehirn-Trainings dar. Durch die Kreuzbewegungen bei vielen Übungsformen verbinden sich die Synapsen im Hirn. Diesem Effekt wird eine Intelligenz steigernde Wirkung zugeschrieben.“ Und bei seinem Schützling freut sich der Trainer ganz besonders über eine Tatsache: „Die Teilnahme an Meisterschaften hilft Andreea, ihre Last in einem Sekundenprotokoll zu vergessen und über sich selbst hinauszuwachsen.“

Dass sie über sich selbst hinauswachsen kann, hat die zweifache Schwarzgurt-Trägerin in vielen Wettkämpfen eindrucksvoll bewiesen. „Sie hat in den letzten 13 Jahren alles gewonnen“, freut sich Sensei Richard Schalch für seinen Schützling. So kann die Para-Karateka eine beeindruckende Liste von Siegen vorweisen: 30 nationale und internationale Titel hat sie seit 2006 erkämpft. So hat sie alle Deutschen und Bayerischen Meisterschaften in allen Kategorien mit Platz 1 für sich entschieden. Freudestrahlend nahm sie zudem die Goldmedaille für den Titel „Europameisterin“ entgegen, welchen sie bei der Para-Karate-Meisterschaft in Novi Sad/Serbien im Mai 2018 errang. In Kroatien siegte sie bei der Meisterschaft der WKF, der World Karate Federation.

In Würdigung ihrer sportlichen Glanzleistungen und als bisherigen Höhepunkt ihrer sportlichen Karriere empfing die junge Athletin im vergangenen Sommer in der Staatskanzlei nun den bayerischen Verdienstorden. Sie ist damit Teil eines Kreises prominenter Persönlichkeiten, zu dem z. B. die Kabarettistin Monika Gruber, der Wissenschaftsjournalist Dr. Harald Lesch und der Philosoph und ehemalige Staatsminister Prof. Dr. Nida-Rümelin gehören.Staatskanzlei neu

Beim 1. CKKS in Traunreut trainieren Behinderte gemeinsam mit Nicht-Behinderten. Andreea Nowak ist nicht nur ein Beispiel für gelungene Inklusion, sondern selbst auch mit großer Hingabe in der Inklusionsarbeit tätig: Sie möchte ein Vorbild für andere Menschen mit Handicap sein und unterstützt diese aktiv mit viel Leidenschaft beim Karate-Training. Ihr vielfältiges sportliches und soziales Engagement findet Resonanz in jährlichen Empfängen im Rathaus Traunreut mit Bürgermeister Klaus Ritter sowie auch im Landratsamt Traunstein mit Landrat Sigi Walch.

Andreea Nowak erzählt, dass sie gerne auf Meisterschaften fährt, „weil ich da andere Menschen und Länder sehe“. In diesem Zusammenhang steht ihr in naher Zukunft ein großes Erlebnis bevor: 2020 wird sie an den Wettkämpfen in Dubai teilnehmen. Und dazu hat sie einen großen Wunsch: „Ich möcht‘ gern Weltmeisterin werden.“              

Lutz A. Kilian
(erschienen in Ausgabe 41, November 2019)

                   

 

 

 

 

 

 

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