Franz Wiesholler

Franz Wiesholler
© Lutz A. Kilian

"Nichtstun kommt überhaupt nicht in Frage"

Chiemgauer Ausnahmesportler im Rentenalter mit vielfältigen Aktivitäten

Trifft man Franz Wiesholler zum ersten Mal, ist man zunächst von seinem kraftvollen Händedruck überrascht. Man möchte es kaum glauben, dass man einen 91jährigen begrüßt. Der stattliche Mann wirkt gut 20 Jahre jünger. Energie und Tatkraft strahlt er aus und der Begriff „Senior“ mag für andere passend sein – mit ihm bringt man ihn nur schwer in Verbindung. Seit seiner Jugend steht sein Name für sportliche Leistungen.

Geboren und aufgewachsen ist er in Chieming, wo seine Eltern einen Bauernhof bewirtschafteten. Die Kinder mussten mit anpacken. „Nach der Feldarbeit ging es jeden Tag zum Waschen an den See runter“, erinnert sich der jüngste von fünf Brüdern. „Natürlich sind wir dann auch geschwommen. So hat sich in der Kindheit schon die Vorliebe für‘s Wasser ergeben“. 

Bauer wollte Franz eigentlich werden, wie der Vater. So besuchte er die Landwirtschaftsschule, führte dann ein Jahr lang einen großen Hof. Doch war nur sehr wenig verdient damit in jener kargen Zeit nach dem Krieg. Deshalb machte er eine weitere Ausbildung zum Zimmerer, gab Ackerbau und Viehwirtschaft auf, fuhr mit dem Rad jeden Tag zu seiner Arbeitsstelle nach Traunstein. Schließlich verabschiedete er sich vom Chiemgau und ging zunächst nach Hamburg, wo er seine Zukunft als Schiffszimmermann sah. Als jedoch im zerbombten Ruhrgebiet Fachkräfte zum Wiederaufbau gesucht wurden, wechselte er der besseren Verdienstmöglichkeiten wegen als Schalungszimmerer nach Witten, war später als Werkszimmermann bei der Thyssen AG tätig. So fand er für viele Jahre den Lebensmittelpunkt in NRW, wo er seine Familie gründete. 

Schon damals sind sportliche Aktivitäten Teil seines Lebens. Das Ringen ist dabei seine große Leidenschaft. Hier schafft er es bis an die Spitze, wird   dreimal Deutscher Meister. Nach einer Lendenwirbelabsplitterung, die seine eigene aktive Karriere beendet, ist er 16 Jahre als Trainer tätig, davon 10 Jahre in der Bundesliga. Seine Schützlinge erkämpfen bei den Olympischen Spielen in Rom und Tokio Silbermedaillen.

Aus familiären Gründen übersiedelt er mit seiner Frau und den beiden Kindern 1970 in seinen Heimatort. Bedingt durch seine Sportverletzung kann Franz Wiesholler als Zimmerer nicht mehr arbeiten. So macht er eine Umschulung zum Bäderbetriebsmeister und ist in dieser Funktion u. a. im Hallenbad Chieming tätig. „Ich habe über 1000 Kindern Schwimmen gelernt“, freut er sich. 

Franz Wiesholler schwimmt zur Fraueninsel.                 Foto: PrivatFranz Wiesholler schwimmt zur Fraueninsel. Foto: Privat

Die alte Liebe zum „Bayerischen Meer“ hat ihn niemals losgelassen. So erzählt der sportliche Rentner: „Als 1976 ein paar Leute von Chieming zur Fraueninsel rübergeschwommen sind, dachte ich mir, das mach‘ ich auch. Fünfzehn mal hat er seitdem die acht Kilometer zurück gelegt. Er bewältigt sie im Kraulstil in Brust- und Rückenlage und braucht dafür ungefähr drei Stunden. Zur Vorbereitung konzentriert er sich mental auf die Tour. Dann fettet er den ganzen Körper mit Nivea-Creme ein und startet. Ein Wasserwachtboot begleitet ihn. „Ich schwimme vom Seehäusl aus wegen der Tiroler Ache“, erklärt der begeisterte Sportler. „Ihr Wasser ist eisig. Aber vom Seehäusl weg merkt man kaum noch was“. Er orientiert sich am Nordufer. Bezugspunkt ist die Kirchturmspitze von Gollenshausen. Konditionsprobleme kennt er nicht. Um sich fit zu halten, schwimmt er in der kalten Jahreszeit jede Woche 1000 m im Hallenbad, sobald es wärmer wird im Tüttensee und im Sommer schließlich im Chiemsee. Ergänzend geht er möglichst alle Strecken zu Fuß oder fährt mit dem Rad. Die Bewirtschaftung seines Gemüsegartens hält ihn im Schwung und jeden Morgen macht er im Bad Dehnungsübungen: 50 Hocken, 50 Liegestütze.

Letztes Jahr hat er für seine sportliche Glanzleistung etwas länger gebraucht, weil die linke Schulter nicht mehr mitmacht. „Band gerissen. Habe sonst keine Probleme, aber beim Rückenkraul weniger Kraft“, beschreibt der Chieminger ein kleines Handicap. So setzt er dieses Jahr aus. „Ich mach‘ mir den Druck nicht mehr. Aber ich trainiere weiter. Und wenn mich der Rappel packt, dann schwimm‘ ich wieder rüber zur Fraueninsel“, erklärt er.

Während andere Menschen in seinem Alter das Leben etwas ruhiger angehen lassen, lässt sich der 91jährige von dem Wahlspruch leiten: „Nichtstun kommt überhaupt nicht in Frage“. So sucht er immer wieder die körperliche Herausforderung. Großen Spaß macht ihm z.B. Tanzen. Besonders Walzer, Tango, Fox. Klettersteiggehen, Radeln und im Winter Skifahren gehören zu seinen Freizeitaktivitäten. Segeln ist seine Leidenschaft. Hierbei bietet ihm das Mittelmeer keine besonderen Anreize mehr. „Dort habe ich schon alles abgesegelt“. Auch auf den Weltmeeren ist er präsent: So hat er schon dreimal die Karibik-Regatta mitgemacht. Im November möchte er nochmal an der Atlantikrallye Gran Canaria – Saint Lucia teilnehmen. „Ich fliege mit dem Flugzeug runter und heuere dort an. Es gibt immer wieder Bootskapitäne, die ihre Mannschaft vervollständigen wollen“, weiß er aus Erfahrung. „Es werden immer fähige Leute gesucht. Ich werde nicht seekrank, kann segeln, verstehe etwas von Navigation“. Noch nie wurde er nach seinem Alter gefragt. „Die Leute werden erst stutzig, wenn Formulare auszufüllen sind und sie mein Geburtsdatum lesen“, lacht Franz Wiesholler.

Er legt viel Wert auf gesunde Ernährung. „Ich habe einen eigenen Garten, esse viel Gemüse und Salat. Brauche nicht viel Fleisch, mag gern Mehlspeisen. Keine abgepackten Sachen, die es heute zu kaufen gibt“, erklärt er. „Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte mal krank war“. Er ist mit sich und seinem Leben zufrieden. Und er hat nur einen Wunsch: „Gsund bleim“. Alles andere ergibt sich nach seiner Überzeugung von selbst.                        

Lutz A. Kilian
(erschienen in Ausgabe 40, Juli 2019)

                   

 

 

 

 

 

 

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