Helmut Ulrich

Helmut Ulrich
© Lutz A. Kilian

"Ich bin ein Mensch, der nicht still steht"

Blinder Instrumentenbauer aus Garching /Alz entfaltet vielfältige Kreativität

Cremona in Italien und Mittenwald im bayerischen Oberland werden von Liebhabern klassischer Musik mit traditioneller Geigenbaukunst ein Verbindung gebracht. Garching an der Alz eher weniger. Doch seit drei Jahren lebt und wirkt hier Helmut Ulrich, dessen ganz spezielle Instrumente unter Kennern gefragt sind und sogar in Amerika Liebhaber finden. Neben ihren Besonderheiten hebt sie hervor, dass sie von einem Blinden geschaffen werden.

Ihn nur auf seine Instrumente zu reduzieren, wird Helmut Ulrich jedoch nicht gerecht. Sein Leben zeichnet sich aus durch vielschichtiges kreatives Wirken. „Erlernt habe ich den Beruf des Metallformers und Gießers“, erzählt er. Als solcher arbeitete er – zu der Zeit noch sehend – unter anderem für Prof. Heinrich Kirchner, den bekannten Schöpfer skurril anmutender Groß-Plastiken.

Doch der Schaffensdrang des gebürtigen Münchners fokussierte sich nicht allein auf den Bronzeguss. „Während andere zum Fußball gegangen sind, habe ich mich immer gerne handwerklich betätigt“, erinnert sich der Sohn ei­­nes Kfz-Mechanikermeisters. 

So ließ er sich z. B. in einer Schuhmacherei vor vielen Jahren darin unterweisen, wie wasserdichte Stiefel aus Leder gefertigt werden. Der Umgang mit dem Material bereitete ihm Freude: „Gürtel und Handtaschen machen war mein erstes selbstständiges Gewerbe“, erzählt er. Kunsthandwerk im weiten Sinn waren auch seine Kompositionen für Geige, Trommel und Synthesizer, die er in seiner Münchner Zeit in seinem kleinen Tonstudio aufnahm. Im Resümee stellt er bedauernd fest: „Zwar wollten viele Menschen meine Werke haben, aber kaufen wollten sie nur Wenige“.

Die Großstadt wurde ihm zu eng, es zog es ihn in die Berge. „Ich kannte ein Tal im Pinzgau in Österreich von meinen Kindheitsurlauben“, erinnert er sich. „Das in der Gegend befindliche Bergwerk hat mich begeistert – eine aufgelassene Smaragdmine,“ berichtet er weiter. „Ich habe die Erlaubnis vom Eigentümer bekommen, dort schürfen zu können, als „Strahler“, wie man sagt, zu arbeiten.“ Und er erläutert: „Das ist eine sehr anstrengende Tätigkeit. Man muss fleißig sein. Mit Glück ist es nicht getan.“

Glück aber hätte er gebraucht an jenem Tag, der sein Leben veränderte. Er hatte Initialzünder für Sprengsätze gebaut. Es waren 250 Stück, die plötzlich durch statische Aufladung von selbst explodierten. „Mein ganzes Gesicht war eine Blutkruste“, erinnert er sich. Und fügt hinzu: „Damals war ich 21 Jahre alt. Noch heute stecken jede Menge Splitter in mir drin.“ Sieben Wochen liegt er im Krankenhaus. Und muss er mit der Erkenntnis leben: „Die Sehfähigkeit wieder zu erlangen, ist nicht möglich.“Helmut Ulrich mit einem seiner InstrumenteHelmut Ulrich mit einem seiner Instrumente

Doch die Hände sind einsatzfähig und die Liebe zur handwerklichen Betätigung präsent wie immer. Als Helmut Ulrich über Freunde einen Pakistani kennen lernt, ergibt sich für ihn bald ein neues Tätigkeitsfeld. „Mein Bekannter lud mich ein, ihn in seiner Heimat zu besuchen. Dort wurden auf speziellen Trommeln richtige Melodien gespielt – ich war eigentümlich berührt von der Intensität dieser Klänge.“ Der Wunsch in ihm war geboren, selbst solche Instrumente bauen zu können. „Ich habe viel Lehrgeld bezahlt, bis der Klang meiner Trommeln stimmte“, erläutert er dazu. „Finde erst mal jemand, der mit den speziellen Hölzern, die du brauchst, handelt! Das ist alles andere als einfach. Es ist hochwertiges Material, das bereits in den jeweiligen Herkunftsländern einen entsprechenden Preis hat.“

Auf Basis der beim Trommelbau erworbenen Erfahrungen entwickelte er bald einen weiterer Aktionsbereich: Zeit seines Lebens hatte er Geige gespielt, in Bands und als Solist. Als eines seiner Instrumente nun defekt war, ersetzte er den schadhaften Teil durch Tropenholz aus seinem Fundus. Und war überrascht, wie sich der Klang dadurch verbesserte. So begann er eines Tages mit dem ihm eigenen Unternehmungsgeist, ein ganzes Instrument aus exotischen Hölzern zu fertigen. „Auf Hilfsmittel und Tricks musste ich selbst kommen“, erzählt der 53-Jährige. „Weil es ja keine Anleitung gibt, wie man als Blinder eine Geige baut“. Heute nutzt er viele Spezialwerkzeuge, weil z. B. afrikanische Hölzer wegen ihrer Beschaffenheit anders bearbeitet werden müssen als heimische. Bei seiner Arbeit „sieht“ Helmut Ulrich mit den Händen: Der Tastsinn ersetzt die Augen. „Aber man braucht halt für alles länger“, erklärt er lapidar. „Und es ist sehr anstrengend. Man ist am Abend richtig KO.“ 

Seine Instrumente sind Kunstwerke, die Hunderte von Arbeitsstunden beanspruchen. Jedes davon besteht aus Arrangements unterschiedlicher Exotenhölzer. „Das ergibt einen schönen, milden aber sehr weittragenden Klang“, erklärt der Garchinger. „Der Markt dafür ist klein“, weiß er zu berichten. Liebhaber, die von seinen einzigartigen Produkten angetan sind, findet er u.a. auf Fachmessen im Ausland, auf denen er regelmäßig präsent ist. 

Der Blinde führt seinen Haushalt selbst. Besondere Freude macht ihm dabei das Kochen. „Es ist eine schöne Beschäftigung. Durch meine internationalen Kontakte kenne ich viele Rezepte“, erzählt er. Seinen Tagesablauf beschreibt er mit den Worten: „Ich bin von früh bis spät in Bewegung. Ich bin zu faul zum Faulsein. Das ist so fürchterlich anstrengend. Ich bin ein Mensch, der nicht still steht.“ 

Zur Zeit widmet er sich gerade wieder seiner „alten“ Vorliebe, dem Umgang mit Leder: Er hat ein Paar Stiefel in Arbeit. Einer davon liegt für Feinarbeiten auf der Werkbank. Der andere ist in der Sohlenpresse.    

Lutz A. Kilian
(erschienen in Ausgabe 39, März 2019)

                   

 

 

 

 

 

 

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