Lotte Litzinger

Lotte Litzinger
© Litzinger

"Die Krankheit macht mir keine Angst mehr"

Soziales Engagement ist „beste Therapie“ für Altenmarkter MS-Patientin

Wissenschaft und Medizin haben für viele Leiden eine Lösung. Die Diagnose „Multiple Sklerose“ jedoch empfinden viele Betroffene auch heute noch als schlimmes Urteil. Unverständnis, Angst und Trauer bestimmen plötzlich das Leben. Alltägliche Abläufe ändern sich und viele Dinge, die man früher ohne Probleme tun konnte, fallen mit der Zeit unendlich schwer oder werden unmöglich.

Über 9 Millionen Menschen mit Handicap gibt es in Deutschland. Lotte Litzinger aus Altenmarkt gehört dazu. Und sie hat es sich zu einer Aufgabe gemacht, das Thema Inklusion an die Schulen zu bringen. „Nicht behinderte Menschen nehmen es für selbstverständlich, dass sie sich in ihrem Umfeld problemlos bewegen können“, erklärt sie. „Rollstuhlfahrer z.B. stoßen aber immer wieder schon beim Einsteigen in Bus oder Bahn oder beim Aufsuchen einer öffentlichen Toilette auf unüberwindbare Hindernisse“. Zusammen mit ihrem Ehemann hat sie ein kindgerechtes Mitmach-Programm erarbeitet. Hierbei können Mädchen und Buben im Grundschulalter erfahren, mit welchen Schwierigkeiten Menschen mit eingeschränkten körperlichen Funktionen im Alltag zu kämpfen haben und welcher Fertigkeiten es oft bedarf, um damit zurecht zu kommen.

Mit eigenen Einschränkungen lebt die 62Jährige schon seit langer Zeit. „Ich war 20 Jahre alt, als sich linksseitig Lähmungserscheinungen zeigten“, erzählt sie im Rückblick. Im Laufe der Zeit traten zusätzlich Gesichtslähmungen auf. „Ein Gefühl wie beim Zahnarzt nach einer Spritze“, erläutert sie. „Nur, dass es tagelang nicht mehr aufhörte!“ Im weiteren Verlauf heiratet die gebürtige Niederbayerin, wird Mutter. Nach der Geburt des zweiten Kindes verschlimmert sich ihre Krankheit: „Wege wurden kürzer, Wandern ging nicht mehr, ich bin oft gestürzt“, erinnert sie sich. Immer öfter ist sie auf den Rollstuhl angewiesen. Der Krankheitsverlauf ist zu dieser Zeit bereits „sekundär chronisch fortschreitend“. Dies ruft bei Lotte Litzinger jedoch nicht Resignation, sondern Wut hervor. In ihrem Beruf als Staatlich geprüfte Erzieherin kann sie nicht mehr arbeiten. „So kniete ich mich ins Ehrenamt“, erinnert sie sich. „Voller Trotz beschloss ich für mich: ,Ich habe die Krankheit im Griff, nicht umgekehrt‘“.

Sie engagiert sich als Elternbeiratsvorsitzende an der Grund- und Hauptschule Altenmarkt. Übernimmt in weiterer Folge die stellvertretende Leitung der MS-Selbsthilfegruppe Traunstein, wird für 5 Jahre ehrenamtliche Richterin am Sozialgericht in München. Seit 2005 ist sie Behindertenbeauftragte der Gemeinde Altenmarkt, seit 8 Jahren Vorsitzende des VdK-Ortsverbandes in ihrer Heimatgemeinde sowie Schulbeauftragte des VdK im Kreisverband Traunstein.Lotte Litzinger mit ihrem Programm an der Sonnenschule St. Georgen. Foto: Markus MüllerLotte Litzinger mit ihrem Programm an der Sonnenschule St. Georgen. Foto: Markus Müller

Der Sozialverband VdK war es auch, der mit seiner bundesweiten Kampagne „Weg mit den Barrieren!“ Lotte Litzinger auf die Idee brachte, ihre lokale Initiative zum Thema Inklusion zu starten. „Ich war traurig, weil ich als gelernte Erzieherin nicht mehr mit Kindern arbeiten konnte. So stellte ich eine Powerpoint-Präsentation zusammen, in welcher ich mein Konzept darlegte. Der Schulamtsleiter bot mir an, das Programm den Rektorinnen und Rektoren vorzustellen“, freut sie sich. Bei diesen kam die Initiative gut an. So darf sie die jeweiligen Turnhallen nutzen, wo sie mit tatkräftiger Hilfe ihres Ehemannes einen Rundkurs gestaltet. Diesen absolvieren die Kinder und haben dabei sieben bis acht Stationen zu durchlaufen. Zur Einführung wird ein Spiel gemacht und jede Station erklärt. Zum Programm gehört neben der Slalomfahrt im Rollstuhl zum Beispiel das Lesen von Blindenschrift und das Erfühlen von Buchstaben, Zahlen und verschiedenen Gegenständen, wobei die Augen durch eine „Schlafbrille“ verdeckt sind. Mithilfe des Blindenstocks muss der Weg durch den Parcours ertastet werden. Bei einer Wurfübung mit Softbällen haben die Teilnehmenden eine Papierbrille auf, durch die nur die Umrisse der Ziele zu erkennen sind. Für jede Aufgabe, bei der immer Zweierteams zusammenarbeiten, haben die Absolventen zwei Minuten Zeit. Ein Laufzettel dokumentiert die jeweiligen Ergebnisse. Zum Abschluss wird ein Gruppenfoto gemacht. Jeder erhält eine Urkunde sowie einen Anstecker.

Die Initiative der ehrenamtlich Tätigen umfasst jeweils zwei Schulstunden und wird landkreisweit in Anspruch genommen. Von Altenmarkt bis Reit im Winkl haben mittlerweile 2400 Kinder mitgemacht. „Es geht mir unheimlich gut dabei, es ist die beste Therapie für mich“, freut sich Lotte Litzinger. Und sie wird von Schule zu Schule weiter empfohlen.

Bleibt neben dem umfangreichen sozialen Engagement noch Zeit für private Interessen? Die Altenmarkterin lacht: „Meine Tätigkeit ist mein Hobby, aber mein Mann und ich verreisen auch sehr gern. So waren wir z.B. schon in den Dolomiten mit dem Rollstuhl. Ich möchte nicht, dass auf mich speziell Rücksicht genommen wird“. Bei Ausflügen in der Umgebung nimmt sie technische Unterstützung in Anspruch: „Ich fahre meinen E-Scooter, der geht 15 km/h bei 60 km Reichweite. Mein Mann fährt mit seinem Radl mit. Wir machen richtige Touren zusammen“. Und lachend sagt sie: „Ich möchte ,umeinanderfetzen‘. Die Krankheit macht mir keine Angst mehr“.

Lachen ist Teil der positiven Lebenseinstellung von Lotte Litzinger. Sie zitiert dazu Charlie Chaplin mit seinem Ausspruch: „Ein Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag“. „Uralt“ möchte sie gerne werden. Und sie wünscht sich für die Zukunft: „Ich möchte noch oft von den Schulen angefordert werden“. 

Lutz A. Kilian
(erschienen in Ausgabe 36, März 2018)

                   

 

 

 

 

 

 

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