Dirk Schröder

Dirk Schröder
© Dirk Schröder

"Im Einklang mit der wunderschönen Erde"

Ein Wildnispädagoge und seine Vision von einem bewussten Umgang mit der Natur

Viel hat Dirk Schröder von der Welt gesehen. Doch wer dabei an Pauschal-Urlaube mit All-inclusive-Bewirtung und Animationsprogramm denkt, liegt gründlich daneben. Denn bei all seinen Reisen liegt ihm der Kontakt mit indigenen Völkern und deren ursprünglicher Lebensart am Herzen.

So nahm er z.B. Teil am Leben der Samen in Nord-Norwegen. Zu anderen Gelegenheiten wurde ihm in Ritualen nord- und südamerikanischer Indianer Zugang zu spirituellen Erkenntnissen vermittelt. Und in Ostafrika nahmen ihn Buschleute in der Kalahari-Wüste am Lagerfeuer in ihre Runde auf.

In einem früheren Teil seines Lebens bestimmten trockene Zahlen und Formeln den Alltag des 62-Jährigen: Als Elektronik-Ingenieur war er in der Entwicklungsabteilung eines Weltkonzerns tätig. „Doch immer mehr spürte ich, dass in meiner ausgeübten Tätigkeit nicht meine Erfüllung lag“, erinnert sich der Sohn eines Buchhändlers. Er begann, sich beruflich anders zu orientieren: „Ich habe Reiseführer geschrieben“, blickt er zurück.

Immer wieder kommt er bei seinen Recherchen in Kontakt zu Naturvölkern. „Wiederholt hatte ich dabei eine Lebenskultur beobachtet, die mich neugierig werden liess“, erzählt Dirk Schröder. Ihn fasziniert die Fähigkeit dieser Menschen, in einer Welt ohne technische Hilfsmittel zu (über)leben. So fragt er sich schließlich, ob es auch ihm möglich sein könne, solche Kenntnisse zu erwerben. Schließlich macht er jemanden ausfindig, der Wildniskurse hier in Deutschland veranstaltet. „Ich hatte das Gefühl, dass meine Neugierde jetzt Antworten findet“, erklärt er. „Deshalb besuchte ich nach und nach alle Kurse, die mir geboten wurden.“

Im Frühjahr 2005 beendete Dirk Schröder ein Jahrestraining. „Die Fähigkeiten, die vermittelt wurden, basieren auf dem Erfahrungsschatz der Apachen in den USA“, berichtet er. „Trainer, die dieses praktische Wissen erlernt haben und selber Kurse anbieten, kreierten für ihre Tätigkeit den Begriff ,Wildnispädagoge‘. Der Wortteil ,Wildnis‘ erinnert dabei an die ungezähmte Natur, die für native Kulturen ihre Heimat ist. Der Wortteil ,Pädagoge‘ ist wichtig, um zu signalisieren, dass es eine ursprüngliche Form des Lehrens gibt. Das Erstreben dabei ist es, die verborgenen Talente des Schülers optimal ans Licht zu bringen“, führt er weiter aus. So eignen sich Interessierte z.B. Kenntnisse darüber an, welche Pflanzen in der Natur essbar sind oder welche der Heilung dienen können. Sie entdecken, wie man Feuer ohne moderne Hilfsmittel entfacht – und das bei jeder Witterung. Sie lernen aber auch, wie man einen warmen, trockenen Unterschlupf mit den Materialien aus Wald und Flur herstellt und darüber hinaus viele andere ­– in unserer modernen Welt in Vergessenheit geratene – Fertigkeiten. Daneben festigt sich ein anderer, wichtiger Teil: das Zusammenwirken in einer Gruppe. Die uralten Prinzipien vermitteln Wertschätzung und schaffen Frieden unter den Teilnehmern.  „Coyoteteaching“ wird diese ursprüngliche Art zu lehren zusammenfassend bezeichnet. Dazu kommt das Wecken der Neugierde, respektvolles Verhalten und Wertschätzung. Und die Methode, wie das Wissen vermittelt wird, ist eine Art „Magie“, die immer mehr Menschen in die Wildnisschule zieht. „Es scheint etwas zu sein, was die Menschen im Alltag vermissen“, glaubt Dirk Schröder.

Gleich nach seinem Jahrestraining gründete er im Einfluss des Erlernten eine eigene Wildnisschule und bot die ersten Lehreinheiten an. Inzwischen verbreiten sich das Wissen und die Werte, die damit verbunden sind, in der Region. Er beobachtet immer wieder, dass viele Menschen nach schon einem Kurs mit einer ganz anderen Ausrichtung in die Natur gehen. Ihre Sinne sind viel mehr geschärft, ihre Aufmerksamkeit ist gesteigert und der Respekt vor dem, was um sie herum existiert, ist enorm gewachsen. Bei längerfristigen Teilnehmern beobachtet er ein gesundes, natürliches Selbstbewusstsein. Sie entdecken ihre Qualitäten und teilen diese dann gerne mit anderen. Genau das hatte Dirk Schröder bei nativen Kulturen beobachtet und in seinem Lebensumfeld immer vermisst. Nun sieht er es auch hier wachsen und es bestätigt ihn darin, dass dies der Weg ist, wie die Menschen wieder in Frieden miteinander leben könnten.

Bei all seinen Reisen und Aufenthalten in der Natur bleibt der gebürtige Nordrhein-Westfale dem Chiemgau eng verbunden: „Die Berge, die Landschaft und die Menschen haben mich sozusagen gerufen. In meiner Zeit als freier Reisejournalist konnte ich mir den Wohnort aussuchen. Als ich vor langer Zeit an einem Herbsttag bei Sonnenuntergang am Chiemsee stand und den Anblick der Segelboote vor den Bergen sah, kamen mir die Tränen. In dem Moment habe ich beschlossen: Hier bleibe ich. So ist Oberbayern meine Wahlheimat geworden.“

Hier bietet Dirk Schröder in urwüchsiger Natur auch seine Wildniskurse an. „Ich möchte noch ganz viele Menschen darin unterstützen, ihr ureigenes Potenzial zu entdecken und dieses zu leben, zu teilen, um wieder in den Einklang mit der wunderschönen Erde zu kommen, auf der wir leben. Da es für mich den Begriff ,Arbeit‘ nicht gibt, sondern ich alles nur als ein ,Wirken‘ verstehe, ist ,Rente‘ für mich ein Fremdwort. Ich möchte noch lange so weiter machen und noch mehr Menschen anstecken, das universelle Wissen über die Natur weiter zu tragen“.                                                                                          

Lutz A. Kilian
(erschienen in Ausgabe 34, Juli 2017)

                   

 

 

 

 

 

 

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