Das Pferd als Co-Therapeut

Pferde nehmen Körper- sprache und Energie des Menschen wahr Pferde nehmen Körper- sprache und Energie des Menschen wahr
Foto: Auer

Tiergestützte Intervention heilsam im therapeutischen Prozess

Klassische Psychotherapie und Coaching sind bewährte Methoden und geben die Möglichkeit zur Reflexion, zum heilenden Gespräch und zur Veränderung von Erleben und Verhalten. Der Mensch erfährt in dem geschützten Raum Halt und Beistand. In der tiergestützten Intervention wird der therapeutische Prozess durch ein weiteres Wesen ergänzt, das hierbei als Co-Therapeut unterstützend wirken darf.

Sehr bekannt als tierische Co-Therapeuten sind etwa Hunde und Alpakas, die zum Teil schon in großen sozialpädagogischen Einrichtungen erfolgreich eingesetzt werden.
Pferde jedoch nehmen in der Therapie einen ganz besonderen Platz ein. Ihre Wirkung auf den Menschen ist imposant. Beim Einen lösen sie das Gefühl von Freiheit und Unbändigkeit aus, beim Anderen distanzierten Respekt oder sogar Furcht. Sie sind ex­trem feinfühlige, unvoreingenommene Wesen. Sie nehmen sofort und ungefiltert Körpersprache und Energie des Menschen wahr und haben so die Fähigkeit, über ihr eigenes Verhalten den Menschen in seinen Mustern zu spiegeln.
In der pferdegestützten Therapie bekommt der Mensch die Möglichkeit, sich selbst zu spüren. Im Kontakt mit einem Tier, das vom Menschen nicht vordergründig Kuscheln und Körperkontakt fordert, sondern klar einen eigenen Raum und eigene Befindlichkeiten zugesprochen haben möchte, kann der Mensch sich selbst reflektieren. Unbewusste Verhaltens- und Spannungsmuster können erkannt und transformiert werden. Es ist beeindruckend, wie unterschiedlich die Tiere auf verschiedene Patienten reagieren. Der erste Kontakt, den das Tier aufbaut – oder nicht aufbauen möchte – zeigt meist schon das Grundthema im Beziehungsverhalten des Menschen. Kommen Therapeut und Patient in die Herde, reagiert diese unmittelbar auf die Energie des Patienten. Die Reaktion der Tiere sind bei jedem Patienten anders und spiegeln immer die Erwartungen, Ängste, Sehnsüchte und Themen des Menschen wider.
Eine pferdegestützte Einheit kann sich ganz unterschiedlich und individuell gestalten. In manchen Einheiten sind Therapeut und Patient zusammen in der Pferdeherde, beobachten und lassen die Tiere Kontakt aufnehmen, wenn sie möchten. Der Therapeut „übersetzt“ hierbei Verhalten und Körpersprache der Pferde, so wie sie für den Patienten als Reflexion und Botschaft wichtig sind. Der Therapeut zeigt hierbei auf, was das individuelle Verhalten des Tieres mit dem Patienten zu tun hat. So kann Unbewusstes erkannt und Stagniertes veränderbar gemacht werden. In anderen Einheiten führt der Patient das Pferd in die Natur oder reitet. Der Atem ist hierbei ein wichtiger Zeiger für blockierte Emotionen. Ohne freien Atem ist es nicht möglich, stabil und mühelos auf einem Pferd zu sitzen. Über das rhythmische Schaukeln, das das Tier mit seiner Bewegung vorgibt, kann sich der Mensch wieder in seinem Rhythmus finden, spüren, erkennen. Das Pferd verdeutlicht Blockaden und gibt so die Möglichkeit, sie zu lösen. Es zeigt auf, wo der Mensch Angst hat, sich zu spüren, wo der Körper – und so auch Geist und Seele – fest sind. Es hilft, den unteren Rücken zu öffnen, frei und beweglich im Becken zu schwingen, sich aufzurichten mit weitem Atem. So können die im jeweiligen Körperbereich gespeicherten Emotionen und Blockaden sicht- und veränderbar gemacht werden.
Für die pferdegestützte Arbeit ist keine Pferde- oder Reiterfahrung notwendig. Es geht nicht um die Vermittlung einer bestimmten Technik des Pferdetrainings. Es ist Seelenarbeit, körperorientierte Psychotherapie, Persönlichkeitsentwicklung und Möglichkeit zur Transformation. In einer Welt, die momentan aus den Fugen ist, gibt diese Form der Intervention Halt und Erdung. Nicht umsonst heißt es doch: Das Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde.

Martina Auer
(erschienen in Ausgabe 44, November 2020)

Anzeigen