Aus Schatten neues Licht gebären

Wie ein Baum den Widrigkeiten des Lebens trotzen Wie ein Baum den Widrigkeiten des Lebens trotzen
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Kraft fürs Leben entwickeln aus emotionalen Verletzungen

Unfassbar, wie Bäume den Widrigkeiten des Lebens trotzen können. Selbst nach Blitzschlägen, Stürmen, schaffen es Bäume weiter zu wachsen, zu blühen, trotz tiefer Risse im Baumstamm, trotz einer Teilentwurzelung. Welch unglaubliche Kräfte sind da am Werk, dies zu ermöglichen. 

Ein Baum benötigt nach einer Verwundung Zeit. Erst einmal werden nicht gleich alle Blätter wieder sprießen und saftige Früchte reifen. Ein Baum geht in die Regenerationsphase, ja holt sich sogar Unterstützung von Nachbarbäumen, denn genährt von einem guten Netzwerk heilt es sich leichter.    

Auch dem Menschen, als Teil der Natur, stehen Möglichkeiten zur Verfügung, nach Schicksalsschlägen, totaler Überforderung und Verletzungen wieder in die Kraft zu finden und stabil im Leben zu stehen. 

Allzu oft sollen emotionale Verletzungen auf Knopfdruck verschwinden. Die Scham, keiner darf es erfahren oder ein Gedanke von „reiß dich zusammen, so schlimm ist das doch gar nicht“, vielleicht eine Vorstellung von Perfektionismus, können antreiben, schnellstmöglich alles unter den Teppich zu kehren und wieder in gewohnter Kür die alltäglichen Pflichten zu meistern.

Nicht beachtete Gefühle der Trauer, Verletztheit, Enttäuschung, Wut und Ablehnung können sich nicht einfach auflösen, sondern finden oftmals in körperlichen Symptomen Ausdruck. Sie verschieben sich auf eine unbewusste Ebene und verweilen dort. Doch machen diese Gefühle, getarnt zum Beispiel als Schmerz oder Kraftlosigkeit, immer wieder auf sich aufmerksam. 

Über den Körper kann wieder ein sanfter Weg gefunden werden, Unbewusstes an die Oberfläche zu bringen und einen Prozess des Bewusstwerdens anzustoßen. Hierfür bieten energetische Behandlungen eine Möglichkeit. Durch behutsame Berührungen des Behandlers werden Blockierungen im Körper des Klienten wahrgenommen. Ein sanftes Vibrieren durchflutet dabei oftmals den Körper und bringt verhärtetes Gewebe in Schwingung. Ganz dem Tempo des Klienten angepasst, beginnt ein achtsames Herantasten an verborgene emotionale Verletzungen. Einen vorgefertigten Weg gibt es hier nicht, sondern der Klient selbst in seiner Einzigartigkeit bestimmt die Geschwindigkeit, die Intensität und die Richtung. Geschützt in einem Raum der Geborgenheit und fest verankert im Jetzt kann dem Klienten ein Rahmen gegeben werden, Gefühle wahrzunehmen. Das kann alten Verletzungen die Möglichkeit geben, aus dem unbewussten Bereich ins Bewusstsein zukommen und fühlbar zu werden. Nur im Erkennen einer zum Beispiel nicht gelebten Wut, kann die Wut angenommen und geachtet werden. Dazu verankerte Glaubenssätze wie „als braves Mädchen/Junge darf ich keine Wut haben“, können erkannt und verändert werden. Ein Heilungsprozess kann beginnen, die Kraft, die bisher verwendet wurde, um die Wut zu deckeln wird freigesetzt. Ein abgelehnter Anteil des Selbst wird wieder integriert und eine unbändige Lebenskraft strömt wieder durch den Körper, gibt Mut und eröffnet neue Sichtweisen. Es ist ein Weg der Selbstliebe, sich selbst zu lieben mit allem was dazu gehört, mit all den Verwundungen, die sich im Laufe des Lebens ereignet haben, den Narben auf der Seele, aber auch die Begabungen und Fähigkeiten, die sich daraus entwickelt haben. 

Der Mut für dieses Wagnis, sich auf vergrabene Verletzungen einzulassen und wieder zu integrieren, wird reichlich belohnt. Denn ein graues, angepasstes Leben kann sich in ein selbstbestimmtes, lebendiges Leben entwickeln. Das Annehmen unterdrückter Gefühle lässt das Herz in der Brust wieder offen sein für die Liebe und die Wunder, die das Leben für jeden einzelnen Menschen bereithält.     

Andrea Hauser
(erschienen in Ausgabe 42, März 2020)

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