Der unstillbare Hunger

In der oralen Phase entdeckt das Baby seine Umwelt mit dem Mund In der oralen Phase entdeckt das Baby seine Umwelt mit dem Mund
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Ernährung ist mehr als Essen

Unter Hunger wird üblicherweise ein Mangel an Nahrung verstanden. Oder es wird der unangenehmen Zustand bezeichnet, der das Empfinden beschreibt, etwas zu brauchen. Meist handelt es sich, wenn es um Essen geht, um etwas mit süßem Geschmack. Es ist ein sehr subjektives Empfinden, denn jeder Mensch empfindet Hunger anders. 

 Aus biologisch-funktionaler Sicht dient der Hunger als Signal, die Versorgung des Organismus mit Nährstoffen und Energie zu gewährleisten. Dieses Sig­nal transportiert der Körper über Neurotransmitter (chemische Botenstoffe), die im Hypothalamus, der Steuerzentrale im Gehirn, gebildet werden. Hunger ist also in erster Linie ein körperliches Symp­­tom. Ist das alles? Nein. Der Mensch kann auch Hunger nach Sinnhaftigkeit, Zugehörigkeit, Trost, Liebe, zwischenmenschlichen Begegnungen, Ruhe oder Abenteuer haben. Diese Bereiche können nicht durch Ernährung befriedigt werden. Doch wird der Drang nach Essen verstärkt, wenn unbewusst ein Mangel auf einer dieser Ebenen existiert. 

In der Entstehung des Menschen gibt es Entwicklungsphasen, die das spätere Leben prägen. Eine davon, die orale Phase, beginnt im Mutterleib und endet ungefähr mit eineinhalb Jahren. In dieser Zeitspanne entdeckt das Baby seine Umwelt mit dem Mund. Alles wird in den Mund gesteckt und erprobt, ob es sich hart oder weich anfühlt, kühl oder angenehm warm, ob es süss oder salzig schmeckt. So kann sich das Baby mit dem Mund Befriedigung und Spannungsreduktion verschaffen. Das Saugen, Lutschen und Essen bei der Mutter oder der Bezugsperson stellt für den Säugling die Quelle der Sicherheit dar. In dieser Phase entwickelt sich die erste Liebesfähigkeit, vor allem im Zusammenhang mit der Ernährung, nicht mit dem Objekt. Wenn seine Lust auf Essen oder Trinken nicht sofort erfüllt wird, entwickelt es Strategien, die ersehnte Beruhigung zu erfahren, z.B. das Daumenlutschen. Das dient ihm allerdings nur als Ersatzbefriedigung. Da im erwachsenen Leben jede Lebenssituation ihre eigenen Anforderungen stellt, kann ein Gefühl von Scheitern zu Überforderung und Frustration führen. Bei psychischen Überforderungen kann ein Gefühl von Hilflosigkeit durch keinerlei Handlungsspielraum aufkommen. Dann braucht die Person einen Ausweg, Trost oder einen guten umzusetzenden Plan, um aus der Situation herauszukommen. Oft dient dann das Essen als Beruhigung, zum Trost und momentanen Frustabbau. Doch anschließend entstehen häufig Selbstvorwürfe, sich nicht kontrollieren zu können. Das Maß kann einfach nicht gehalten werden. Es entsteht eine Verwirrung auch in Bezug darauf, was das „richtige Essen” ist; es gibt zu viele Ernährungsempfehlungen. Der Frust wird immer größer, der Hunger unstillbarer und die Waage wird in den Schrank verbannt. Jetzt dient hier das Essen in erster Linie als Ersatzbefriedigung, erzeugt durch die unbewusste und frühe Prägung. Erfolgsmomente in anderen Bereichen, eine Reduktion des Aufgabenpensums, eine Pause oder ein beratendes Gespräch kann hier zu mentaler sowie seelischer Befriedigung und Sättigung führen. 

Das Baby kann sich sein Umfeld nicht aussuchen. Es ist abhängig von den Eltern oder den Bezugspersonen und von deren Aufmerksamkeit. Erwachsene hingegen können sich bewusst für oder gegen etwas entscheiden, sich aktiv Hilfe suchen. Das Bewusstwerden, welches Defizit mit dem Essen ausgeglichen werden will, ist der erste Schritt, um den Hunger zu bannen und ihn dann mit der entsprechenden dahinter liegenden Bedürfnisbefriedigung zu beruhigen. Seelischer Hunger übrigens ist eher kurzzeitig – ist der Appetit also genauso schnell wieder weg, wie er gekommen ist, handelt es sich dabei eher um eine Ursache im Kopf statt im Bauch.  

Barbara Seubert
(erschienen in Ausgabe 42, März 2020)

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