Glaubenssätze ändern – Alternativen schaffen

Freuds Eisberg-Beispiel: Analog zur menschlichen Psyche liegt der überwiegende Teil im nicht sichtbaren Bereich Freuds Eisberg-Beispiel: Analog zur menschlichen Psyche liegt der überwiegende Teil im nicht sichtbaren Bereich
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Die Argumente des „inneren Kritikers“ hinterfragen und Lebensqualität gewinnen

Jeder Mensch möchte sich angenommen und geliebt fühlen oder seine Träume verwirklichen. Wie man damit umgeht, erlernt man in den ersten Lebensjahren. Ein Baby z. B. kritisiert nicht wie es spielt und findet sich auch nicht häßlich. Wichtiges Thema des Selbstwerts ist ein Aspekt, der fachlich als „Über-Ich“ oder umgangssprachlich als „innerer Kritiker“ bezeichnet wird. Woher bekommt dieser sein „Futter“?

Es sind Verhaltensweisen oder Verbote, die von wichtigen Personen des Umfeldes vermittelt werden und die man sich zu eigen macht. Für den Anfang ist so ein Gut- und Böse-System hilfreich, um Strafen zu vermeiden. Aber je mehr Botschaften vermittelt werden etwas falsch zu machen, desto mehr Futter hat der Kritiker in späterem Leben. 

Laut wissenschaftlicher Studien hat der Mensch ca. 60.000 Gedanken pro Tag. Viele davon laufen unbewusst ab, was Sigmund Freud durch seine 80/20-Regel darstellte: 20 Prozent der Gedanken bestehen in der bewussten Ebene aus Daten, Zahlen oder Fakten, 80 Prozent kommen aus der unbewussten Ebene des Unterbewusstseins und beruhen z.B. auf Gefühlen, Überzeugungen oder Stimmungen. Folgend entwickelte Freud das Strukturmodell der Psyche, um mit dem „Ich“ (Vermittler), „Über-Ich“ (gesellschaftliche Moral) und dem „Es“ (Triebe) das menschliche Verhalten zu erklären. Das Über-Ich stellt das Gewissen dar, welches sich gegenüber den Trieben „behaupten“ möchte. Verstösst man gegen Gebote und Verbote, entsteht das schlechte Gewissen. Ein Beispiel: Julia hat den Traum, eines Tages Model zu werden. Als Kind bekam Sie sehr oft Botschaften, dass sie nicht gut genug sei, es zu nichts bringen werde und vieles falsch mache. Dies verankerte sie unbewusst als Meinung über sich. Nun kommt der gewünschte Tag und sie könnte Ihren Traum leben. Das „Es“ sagt „Na klar, da hab ich voll Lust drauf!“, der innere Kritiker entgegnet „Du schaffst das nicht, denn Du bist hässlich und eine Versagerin“. In so einer Situation braucht man einen Vermittler, der dem widerspricht oder diese Gedanken hinterfragt. 

Die Argumente des inneren Kritikers nennt man „Glaubenssätze“, sie spielen eine große Rolle im Leben. Sie bieten Halt, Sicherheit und Struktur, laufen automatisch und unbewusst ab, müssen aber nicht der Wahrheit entsprechen. In den meisten Fällen sind sie Annahmen über die Welt, die durch gute sowie schlechte Erfahrungen oder soziale Beziehungen gebildet werden. Es sind manifestierte Gedanken, mit starken Emotionen verkoppelt. Oft bestehen Sie aus Verallgemeinerungen: „Nie schaffe ich etwas“ oder „ich habe immer“ Pech. Ist ein Mensch mit solchen Glaubenssätzen verbunden, können mögliche Folgen sein, dass er/sie ständig nach Bestätigung von Außen sucht, das Gefühl hat, im Leben nicht weiter zu kommen oder immer wieder in die gleichen Situationen zu geraten. Das Gefühl nicht zu „genügen“, dem Leben „ausgeliefert“ zu sein kann im sozialen Rückzug und Einsamkeit, depressiven Zuständen, Sucht oder auch einem Leben in Angstzuständen z.B. vor Ablehnung, Versagen oder Kritik enden.

Doch alles was der Mensch erlernt hat, kann er auch wieder verlernen oder verändern. Als erstes sollte man seine Glaubenssätze erkennen und sie sich bewusst machen. Jeder einzelne kann und sollte hinterfragt und geprüft werden, ob er wahr ist oder einen Denkfehler beinhaltet. Und wenn die negativen Sätze bewusst geworden sind, können Alternativen geschaffen, die alten überschrieben und neu verankert werden.

Wenn man merkt, dass man in seiner Lebensqualität eingeschränkt ist und/oder Leidensdruck empfindet, sollte man sich professionelle Hilfe suchen. Hilfe einzufordern und anzunehmen hat immer etwas mit Stärke zu tun.        

Andreas Voigt
(erschienen in Ausgabe 41, November 2019)

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