Beziehungstrauma auflösen

Das autonome Nerven­system reagiert auf ein Trauma mit dauerhafter Übererregung Das autonome Nerven­system reagiert auf ein Trauma mit dauerhafter Übererregung
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Körperliche Abwehrkräfte aktivieren gegen chronischen Stress in Beziehungen

„Ich fahre oft hoch wie ein Computer und nicht mehr runter“, beschreibt eine Betroffene mit passenden Worten das Gefühl, durch ein Beziehungstrauma einen chronisch erhöhten Stresspegel zu haben. Die Folgen sind nicht nur Stress in Beziehungen, sondern auch diverse psychosomatische Beschwerden.

Wer seinen Körper permanent als Quelle von Unwohlsein, Unlust, Nervosität und ständiger Anspannung erlebt mitsamt der Unfähigkeit, in Gegenwart Anderer zu entspannen, der leidet unter chronischem Stress aufgrund eines in der Kindheit erlittenen Beziehungstraumas. Diesen Menschen kann geholfen werden durch die Therapiemethode Somatic Experiencing (SE), dem achtsamen Spüren und Wahrnehmen von körperlichen Empfindungen. 

Das Beziehungstrauma kann durch emotionale Vernachlässigung oder Überfürsorge entstehen, auch durch Erfahrungen von Verlassenheit (z. B. längere Krankenhausaufenthalte, Heimunterbringung etc). Nach dem amerikanischen Psychologen Peter Levine entsteht Trauma, wenn der Organismus sich in einer für ihn lebensbedrohlichen Situation befindet, die Gefühle wie Hilflosigkeit und Ohnmacht hervorruft, und der ursprünglich natürliche Zyklus von Orientierung, Flucht, Kampf und Immobilitäts-Reaktion nicht vollständig durchlaufen werden kann oder gar nicht erst zustande kommt. Das Trauma ist somit eine biologisch unvollständige Antwort des Körpers auf eine als subjektiv lebensbedrohlich erfahrene Situation. Das Nervensystem hat dadurch seine volle Flexibilität verloren.

Folge davon sind eine hohe und dauerhafte Übererregung des autonomen Nervensystems (Dauerstress), Schwierigkeiten sich zu entspannen, mit Emotionen umzugehen, Bedürfnisse zu fühlen und diese adäquat zu erfüllen und vor allem Beziehungsstörungen (Angst vor Nähe, Stress mit Sexualität, Vermeidungsverhalten, Zynismus, Ironie, symbiotisches Verhalten oder inneres Allein-Sein).

Werden essentielle Bedürfnisse wie Autonomie, Kontakt, Vertrauen und Liebe nicht erfüllt, entstehen im Kind negative Grundannahmen über sich selbst (z. B. „Ich bin nichts wert“) und es entwickelt „Lösungen“ zum Selbstschutz und zum Schutz der Bindungsbeziehungen. Diese Lösungen sind Überlebensstrategien, die in der Frühzeit unseres Lebens geholfen haben, schmerzhafte traumatische Erfahrungen zu bewältigen und zu überleben. Paradoxerweise werden genau diese Überlebensstrukturen im Erwachsenenalter zur Ursache einer anhaltenden Dysregulation des Nervensystems und bewirken Dissoziation, Identitätsverzerrungen und Probleme mit dem Selbstwertgefühl.

Da im Körper alles an Erlebnissen und damit verbundenen Gefühlen abgespeichert ist, muss in der Therapie auch über den Körper ein Zugang zu den Erlebnissen und Gefühlen gelegt werden. Im Fokus steht die somatische Achtsamkeit. Es geht um das Wahrnehmen von Körperempfindungen und die Wiederherstellung des natürlichen Orientierungssinns, des Kampf- und Fluchtreflexes im Hier und Jetzt, der beim Trauma gestört wurde und so Energie blockieren und Störungen verursachen kann. Es geht aber auch um das achtsame Gewahrwerden der Organisationsprinzipien der adaptiven Überlebensstrukturen, um eine Entkoppelung dieser automatischen Glaubenssätze, Verhaltensmuster und verzerrten Identifizierungen zu ermöglichen. 

Eine mögliche Re-Traumatisierung bei der Aufarbeitung wird vermieden, indem die eingefrorene Energie in kleinen Dosen aufgetaut wird und schrittweise zur Entladung kommt. Durch Aufspüren und Wiederbeleben dieser biologischen, körperlichen Abwehrkräfte entsteht aus dem traumabedingten Gefühl von Lähmung und Erstarrung ein Gefühl von Lebendigkeit und eine Eröffnung von neuen Möglichkeiten und Lebensfreude.                   

Oliver Bartsch
(erschienen in Ausgabe 41, November 2019)

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