Sich selbst erkennen – leichter leben

„Funktionale Integration“:  Kommunikation über die Hände „Funktionale Integration“: Kommunikation über die Hände
Foto: Ziegltrum

Durch achtsame Bewegungen kann große Wirkung erzielt werden

„Gehirn und Körper bilden eine untrennbare funktionelle Einheit“. Was der promovierte Physiker, Doktor der Physik und Judoexperte Moshé Feldenkrais (1904-1984) in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts postulierte, ist heute erwiesener Standard in der Medizin und in der Gehirnforschung.

Feldenkrais hat in über 40jähriger Forschungsarbeit an sich selbst und anderen die nach ihm benannte Methode entwickelt. Sie basiert auf dem neurophysiologischen Zusammenspiel des Nervensystems mit dem Körper.

Jeder Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens charakteristische Haltungen, gewohnheitsmäßige Einstellungen, Handlungen, Ideen und Vorstellungen. Der eine zieht die Schultern hoch, ohne es zu merken. Der andere knirscht nachts mit den Zähnen. Das lange Sitzen am Computer strengt an, die Augen brennen, der Rücken zieht. Wieder andere sitzen mit steifem Nacken oder haben schwere Beine. 

Behutsam ausgeführte Bewegungen und prozess-orientierte Aufmerksamkeit helfen, eigene Bewegungsabläufe zu spüren. Dazu ist von Moshé Feldenkrais folgendes Zitat überliefert: „Verbessere die Qualität in deinen Bewegungen und du verbesserst die Qualität in deinem Leben“. Das Erkennen von überflüssiger Anstrengung innerhalb der eigenen Bewegung bietet die Chance zur Veränderung und zu einer Neuorganisation im gesamten Bewegungssystem. Neugierde, sich mit sich selbst zu beschäftigen, sich auf eine Matte zu legen und mit ungewohnten Bewegungen zu forschen und zu spielen, führt zu neuen Ansätzen für ein leichteres und einfacheres Leben. 

In der Feldenkrais-Methode gibt es zwei Anwendungsweisen. Dabei gibt es keine Wertungen wie „richtig, falsch, gut oder schlecht“: In der Gruppe werden Anwender im Liegen, Sitzen, Stehen oder Gehen durch Bewegungssequenzen geführt. Durch das „Sich-Selber-Spüren“ erkennen sie Ihre Denk-, Handlungs- und Bewegungsmuster, die sie verändern oder umlernen können, wenn sie das wünschen. Durch das bewusste Tun und Erforschen von oft ungewohnten Bewegungen fühlen sich die Übenden nach einer Stunde oft größer, leichter, beweglicher und freier. Grundlage dieser Lernmethode ist: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans allemal!“ Feldenkrais vertrat die Meinung: „Lernen ist gesünder als Patient zu sein oder sogar als geheilt zu werden.“ Durch bewusstes Bewegen wird ein lebenslanger Lernprozess für menschliche Reife und persönliches Wachstum in Gang gesetzt. Die Lebensqualität hängt von den Fähigkeiten und Fertigkeiten ab, wie es gelingt, den Organismus ganzheitlich zu mobilisieren und zu leiten. Menschen besitzen die Möglichkeit, das Zusammenspiel und die Anpassungsfähigkeit von ihrem Skelett-, Muskel-und Nervensystem in jedem Alter zu verbessern, zu verfeinern und zu optimieren. Feldenkrais hat vielen Anwendern seiner Methode mit seiner Arbeit geholfen und Aufsätze und Bücher darüber veröffentlicht.

Die Einzelstunde nennt Dr. Feldenkrais „Funktionale Inte­gration“. Durch Berührungen und achtsame Bewegungen entsteht eine Art „Gespräch zwischen zwei Nervensystemen“ (Therapeut und Schüler). Durch innere Fragestellungen findet der Therapeut heraus, was der Schüler braucht, um sich anschließend besser und schmerzfreier zu spüren. Diagnosen und Festschreibungen treten in den Hintergrund. 

Durch den verbesserten Zugang zu den eigenen Ressourcen lässt sich der individuelle Alltag mit seinen unterschiedlichen Herausforderungen leichter, bewusster und selbstverständlicher gestalten. Moshé Feldenkrais vertrat die Auffassung: „Sich selbst zu erkennen, scheint mir das Wichtigste, was ein Mensch für sich selbst tun kann“.                 

Gisela Ziegltrum
(erschienen in Ausgabe 41, November 2019)

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