Stille und Ruhe im Menschen

Während des Alleinseins in der Natur bietet eine Plane ein Dach über dem Kopf Während des Alleinseins in der Natur bietet eine Plane ein Dach über dem Kopf
Foto: Rößler

Auszeiten in der Natur ermöglichen Eintauchen in das persönliche Innenleben

In einer schnelllebigen leistungsorientierten Welt – wie die westliche es derzeit zu leben pflegt – besteht für einen Ausgleich dazu und Psychohygiene großer Bedarf. Es gibt hierzu Methoden zur Selbsterfahrung und Persönlichkeitsentwicklung, die hilfreich sein können. Die Visionssuche zum Beispiel. Sie ist mehr als eine Auszeit im Wald oder anderen Naturräumen. Sie ermöglicht in ganz speziellem Rahmen ein Eintauchen in das persönliche Innenleben.

Die Visionssuche ist eine Einladung zum In-Verbindung-Gehen mit sich selbst durch eine Reduzierung von Reizen, Geräuschen und Mustern aus dem Alltagsleben. Zudem ist die Visionssuche eine Einladung zum In-Verbindung-Gehen mit der Natur. Es stellt sich die Frage, was zuerst kommt. Die Verbindung zu sich selbst, oder zur Natur …? Die Unterschiedlichkeit der Menschen lässt darauf keine Antwort geben. Jeder braucht etwas anderes, um zu sich zu kommen, um still(er) zu werden. Es wäre nicht stimmig die Natur als „still“ zu bezeichnen. Die Natur ist alles andere als still, sie lebt – überall. Es sind Geräusche und Bewegungen aus dem Kreislauf des Lebens, die man in der Natur finden kann. Aufenthalte in der Natur können Stille und Ruhe im Menschen bewirken, sie können aber auch auf Themen aufmerksam machen, die erst einmal aus unterschiedlichen Gründen unangenehm wirken. Visionssuchen-Auszeiten sind manchmal nicht nur angenehm, Reduktion erfordert auch große Achtsamkeit. Was ist, wenn man so ganz „offline“ ist? Dieses Wagnis braucht einen bewussten Schritt aus der Komfortzone, um sich selbst diesem Rahmen aussetzen zu können. Ein Schritt, der sich in jedem Fall bewährt. Das Zeitgefühl wird ein völlig anderes, wenn man in und mit dem Kreislauf der Natur ist – ohne Handy und ohne Uhr. Die Sinne werden geschärft und die Gedanken können zur Ruhe kommen – still(er) werden. Dieser archaische Weg, sich selbst zu sehen und zu begegnen, kann jedem seine Muster sehr deutlich zeigen. Manch einer fragt sich vielleicht: „Wieso muss ich dazu in die Natur gehen?“ – Weil die Natur dem Menschen zeigt, dass alles seine Richtigkeit hat, dass alles seinen Weg hat und der Mensch, als Teil der Natur, ebenso diesen Kreisläufen ausgesetzt ist. Oftmals wird dies vergessen. 

Der Umgang mit Stille ist etwas sehr Individuelles. Es gibt Menschen, die sofort nach Eintritt in die Natur zur inneren Ruhe finden und Verbindung mit sich und der Umgebung aufnehmen können. Viele Menschen sind aber auch von Ängsten begleitet – Angst vor dem Alleinsein; Angst vor Themen, die auftauchen könnten; Angst vor dem nicht-davon-laufen-können; und selbstverständlich Angst vor möglicherweise auftauchenden, nicht so vertrauten Begegnungen. Wann steht man schon einem ausgewachsenen Hirsch Aug‘ in Aug‘ gegenüber? Momente wie diese machen eine Visionssuche wertvoll – nicht alltägliche Begegnungen und eine völlige Konzentration auf sich selbst und das Umfeld – Reduktion, die eine empfundene innere Stille erzeugen kann, auch wenn diese Reduktion vielleicht erstmal mehr innere Unruhe verursacht. Ein Rezept zur Konservierung von empfundener Stille gibt es nicht. Aber dank einer breit gefächerten Auswahl an Methodik kann ein Verankern und Transferieren dieser wertvollen Momente passieren. 

Der weise Satz von Zuangzi „Der Mensch besieht sein Spiegelbild nicht im fließenden sondern stillen Wasser“ passt hier recht gut. Es sind die kleinen inneren Bewegungen jedes Einzelnen, die eine Visionssuche so einzigartig machen. Begegnungen und Erlebnisse während der Auszeit können nicht versprochen werden, sie geschehen von alleine – wenn man sie geschehen lässt.        

Astrid Rößler
(erschienen in Ausgabe 42, März 2020)

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