Die Kraft des Frühlings nutzen

Die Frühlingspflanze Bärlauch kann Grundlage für ein delikates Pesto sein Die Frühlingspflanze Bärlauch kann Grundlage für ein delikates Pesto sein
Pixabay

Im Rhythmus der Natur eine ganz neue Zufriedenheit erfahren

Jetzt beginnt draußen wieder alles zu sprießen und zu grünen. Die Vögel zwitschern, die Sonne wärmt angenehm auf der Haut und die Tage sind schon deutlich länger, als in den dunklen Wintermonaten. Am 21. März wird der Kalender offiziell den Frühlingsanfang verkünden. 

Schneeglöckchen, Hyazinthen und Osterglocken sind als Frühlingsboten bekannt. Doch nun schauen auch viele Pflanzen aus der Erde, die essbar sind und den Körper nach der langen Winterphase wieder stärken können. Eine von ihnen ist der Bärlauch, der mit seinem unverkennbaren, knoblauchartigen Geruch in den Mischwäldern oft in ganzen Teppichen den Boden bedeckt. Bärlauchpesto ist eine Delikatesse und die Schärfe putzt so richtig durch. Eine andere Frühlingspflanze, das Scharbockskraut, liefert die nötigen Vitamine, die früher in der langen Winterpause entbehrt wurden.

Wer das ganze Jahr über draußen lebt, so wie die Naturvölker, der kennt die Standorte und weiss, was von der Pflanze verwendet werden kann, was giftig ist und was Krankheiten heilt. In Wildnisschulen z.B. wird dies wieder auf eine besondere Weise vermittelt. „Mentoring“ wird es dort genannt. Damit ist die ursprüngliche Art des Lernens gemeint. Neugierde zu wecken durch geschickte Fragestellung, Herausforderungen im Naturraum zu meistern. Wem es schon einmal gelungen ist, ein Feuer ohne Streichhölzer zu entzünden, nur mit den Materialien der Natur, der hat voller Freude die Geburt des Feuers erlebt und damit sein inneres Feuer wieder genährt. 

Wer sich aus Zweigen und Blätter eine Schutzhütte gebaut hat und erfahren, wie geborgen sie ist, hat alte Ängste überwunden. Diese elementaren Erfahrungen geben Sicherheit, zeigen Fertigkeiten auf, die wie Samen tief im Menschen verborgen sind. Wenn die Zeit reif ist und der Boden bereitet, entfalten sie sich scheinbar von selbst. Solch uraltes Wissen erfährt im 21. Jahrhundert eine Renaissance. 

In diesem Umfeld haben Kinder und Jugendlichen schnell ihre Computerspiele, den Gameboy vergessen, wenn es darum geht die Pommes und Kartoffelchips auf dem selbst entfachten Feuer zu bruzzeln, wenn sie ihre Essschale und den Löffel mit der Technik des Glutbrennens und dem Messer selber herstellen können. Wenn sie sich mit Matsch so gut tarnen, dass sie in der Natur „unsichtbar“ werden. 

Was die Teilnehmer, groß und klein, jedoch am häufigsten in ihren Alltag leben, sind die alten Werte und Umgangsformen miteinander – Respekt, Wertschätzung, gegenseitige Unterstützung – eben all die Verhaltensweisen, die bei nativen Kulturen zum Überleben des Stammes notwendig waren. „Coyotementoring“ nennen die Wildnistrainer die Methode, die sie anwenden, um dies zu unterstützen. 

Naturverbindung ist überall möglich. Wer sich die Zeit nimmt und sich in diesem Naturraum ohne bestimmtes Ziel aufhält, einfach an einen Baum lehnt oder auf einen trockenen Platz ins Gras setzt, den Vögeln und dem Flüstern des Windes lauscht, der begibt sich in ein Feld, das heilen kann. Dieser Platz kann im Garten hinter dem Haus sein oder im Park nebenan, er kann am Ufer eines Baches sein oder bei einer Pause am Gipfel eines Berges. An solchen Orten ist die Natur in Harmonie – in Balance. Alle Lebewesen haben darin ihren Platz und sind in Frieden. Diese Schwingung überträgt sich auf jeden Menschen, der bereit ist, ohne Wertung in diesen Naturraum einzutreten und darin zu sein. 

Wer den Rhythmus der Natur, das Fließen mit den Ereignissen erlebt hat, der kann dies auch in seinen Alltag integrieren und eine ganz neue Zufriedenheit erfahren. 

Dirk Schröder
(erschienen in Ausgabe 42, März 2020)

Anzeigen