Zeichensprache der Natur

Die gelben Blüten vom jungen Huflattich sind ein Zeichen der Sonne Die gelben Blüten vom jungen Huflattich sind ein Zeichen der Sonne
Foto: Baur

Sinnlich-intuitive Wahrnehmung und Signaturenlehre öffnet einen ganzheitlichen Betrachtungsraum

„Für alles ist ein Kraut gewachsen“, diese Aussage ist weitgehend bekannt. Doch woher kommt das Wissen, welches Kraut auf welche Weise wirksam ist? Das traditionelle Kräuterwissen ist älter als die Wissenschaft und führt zurück in eine Zeit wo eine ausgeprägte Sinneswahrnehmung für das Leben in der Natur notwendig war und auch heute noch ist. 

Diese Wahrnehmungsebene reicht über die fünf Sinne hinaus zum Bauchgefühl, zum intuitiven Spüren. 

Bei Hildegard von Bingen ist Pflanzenwissen aus spiritueller Eingebung zu finden, welches sich weitgehend mit den heutigen, wissenschaftlichen Erkenntnissen deckt. Christian Rätsch schreibt „Wenn die Shipibo Indianer wissen wollen, wie eine bestimmte Pflanze wirkt, dann begeben sie sich auf eine Seelenreise zu den Müttern des Waldes“. Diese Beispiele zeigen, dass der Ursprung der Pflanzenkunde auf geistig-intuitiver Wahrnehmung basiert. Wer sich davon gerufen fühlt, kann mit einer Pflanze in Kontakt gehen und sie bewusst mit allen Sinnen entdecken. Sich zu ihr setzen, ihrer Botschaft zu lauschen, ihren Duft riechen, sie betrachten und erfühlen, auf der geistigen Ebene wie in ihrer äußeren Beschaffenheit. Dabei entsteht oft schon ein intuitives Erkennen, ob die Pflanze essbar oder giftig ist. Von daher sollte das Erschmecken immer der letzte Schritt der Pflanzenerkundung sein, wenn alle anderen Sinne und das Bauchfühl sicher sind. Auf der persönlichen Ebene bieten sich die „grünen Freunde“ oft als Verbündete an, für Heilung, Kraft, Schutz, als Wegweiser oder Spiegel der Seele – jenseits von Buchwissen und Inhaltstoffen.

Neben der sinnlichen Wahrnehmungsebene gibt es in der Natur Zeichen, anhand derer gewisse Zuordnungen abgeleitet werden können. Dabei werden Mensch und Natur als Mikrokosmos in engem Zusammenhang mit dem Makrokosmos betrachtet „Wie innen so außen – wie oben so unten“. Hier wird deutlich wie alle Lebewesen von den Gestirnen gezeichnet sind. Die Menschen im Sinne der Sternzeichen; die Pflanzenwelt mit Zeichen, die Analogien zu den Planetenkräften bilden.

Von Paracelsus ist der Spruch überliefert: „Nichts ist, was die Natur nicht gezeichnet habe, und durch die Zeichen kann man erkennen, was im Gezeichneten verborgen ist“. Diese Sichtweise auf die Natur wird als „Signaturenlehre“ bezeichnet, sie veranschaulicht wie Zeichen in der Natur, auf Ähnlichkeiten und Zusammenhänge bei Menschen, Tieren, Pflanzen und Gestirnen hinweisen. Seit vorchristlicher Zeit findet diese Lehre Beachtung. Einen späteren großen Beitrag auf diesem Forschungsweg leisteten – neben anderen – Paracelsus, Rudolf Steiner und Viktor Schauberger. Die schriftlichen Dokumentationen führen die Leser in eine beseelte Natur und zeigen ökologische wie ganzheitliche Zusammenhänge auf.

Hier ein kleiner Blick in die Natur: Beispielsweise werden Pflanzen mit roten oder wehrhaften Zeichen, wie die Brennhaare der Brennnessel, die rote Farbe im Johanniskraut, mit der Planetenkraft des Mars in Verbindung gebracht, welcher mythologisch als feurige, wehrhafte Gottheit beschrieben wird. In der Heilpflanzenkunde stärken diese Pflanzen unter anderem die Abwehrkräfte des Menschen, das Immunsystems, wie auch die Abwehr von Negativem. Im Volksbrauchtum heißt es: „Dost, Hartenau (Johanniskraut) und weiße Heid, tun dem Teufel recht viel Leid“. Gleichzeitig hat Johanniskraut gelbe Blüten, die dem Prinzip der Sonne zugeordnet werden, so wird es erfolgreich bei Depressionen eingesetzt und stärkt die „innere Sonne“ des Menschen – die Herzebene …  Die Erkundung der Natur über die sinnlich-intuitive Wahrnehmung und die Signaturenlehre öffnet einen ganzheitlichen Betrachtungsraum und lässt erkennen, wie alles miteinander in Verbindung steht.           

Ilona Baur
(erschienen in Ausgabe 42, März 2020)

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