Die Heilkraft des Singens

Singen hat vielfältige positive Auswirkungen Singen hat vielfältige positive Auswirkungen
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Singstimme kann zu körperlichem und emotionalen Wohlbefinden beitragen

 „Sollst uns nicht lange klangen, was alles Dir wehe tut. Nur frisch, nur frisch gesungen und alles wird wieder gut.“ Dieses Gedicht von Adelbert von Chamisso, der um 1800 lebte, beschreibt in einfachen Worten die Wirkung des Singens auf Gesundheit und emotionales Wohlbefinden.

Jemand, der gerne singt, hat dies vielleicht schon erfahren und auch die Wissenschaft hat den vielfältigen, ganzheitlichen Einfluss der Singstimme durch Studien belegt und so wird in vielen Kliniken von Burnout-Prophylaxe bis zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen Singen auch therapeutisch eingesetzt.

Das vegetative, autonome Nervensystem spielt in dem Wirkungskreis des Singens eine besondere Rolle. Es besteht aus zwei Gegenspielern, dem Sympathikus, der für den „Flucht- und Kampfmodus“ zuständig ist (ergotrope Wirkung) und dem Parasympathikus (trophotrope Wirkung). Letzterer wird beim Singen vor allem durch die gleichmäßig strömende, verlängerte Ausatmung aktiviert. Der Parasympathikus beeinflusst u.a. das Herz in Richtung Ruhefrequenz. Blutdruck, Puls und das Herz-Kreislaufsystem regulieren sich. Entspannung tritt ein. Die Schleimhäute werden besser durchblutet und der Verdauungsprozess wird angeregt. Die Herzratenvariabilität (= Flexibiliät und Anpassungsfähigkeit des Herzens an die wechselnden Alltagsbedingungen) nimmt zu. 

Zudem wirkt Singen positiv auf die Gefühlslage und das Schlafverhalten. Dies liegt daran, dass durch die klingende Stimme – ob vor sich hin trällernd, tönend, summend oder Lieder singend – Hormone ausgeschüttet werden: Endorphine (Glückshormone), Oxytocine (Liebeshormone) und Melatonine (Schlafhormone). Sie gleichen physischen und emotionalen Stress, sowie Depressionen und Ängste aus. Schmerzen werden gelindert. Sie stärken das Immunsystem, lassen Wunden schneller heilen, vertiefen den Schlaf und begünstigen soziale Interaktionen und ein Verbundenheitsgefühl. In der Universität von California wurde nachgewiesen, dass das Singen im Chor das Immunsystem eindeutig stärkt. Der Wert des Immunglobulins A (die Antikörper der vordersten Front, die Erreger schon beim ersten Kontakt neutralisieren) stieg während der Chorprobe um 150% und während einer Aufführung auf bis zu 240% an. Fünf Minuten Ärger hingegen senken dieses Immunglobulin A für bis zu 6 Stunden! 

Nicht zu unterschätzen ist die –  durch das beim Singens vertiefte Atmen – deutliche Verbesserung der Sauerstoffversorgung bis in alle Zellen. Über die verlängerte Ausatmung wird vermehrt Kohlendioxid ausgeatmet und dies wirkt entsäuernd auf den Körper. Die Zwerchfellmuskulatur, die oft durch Traumas oder emotionale Spannungen relativ fest ist, wird ganz nebenbei und mit viel Spaß gedehnt, gelockert und trainiert.

Doch wie muss gesungen werden, damit sich diese vielfältigen heilsamen Wirkungen des Singens entfalten? Zum einen kann einfach beim Ausatmen ein Ton gesummt oder gesungen werden, was übrigens ein tolles Einschlafmittel ganz ohne Nebenwirkungen ist. Zum anderen gehört zum trophotropen Singen das Summen und Tönen, frei aus dem Bauch her­aus und auch alte Volks-, Kinder- und Wiegenlieder, sowie Mantren und gesungene Gebete aktivieren den Parasympathikus und somit die Heilkraft des Singens. Nicht zu unterschätzen ist das frei aus dem Herzen herausschallende Lieblingslied und das Singen in Singgruppen oder im Chor. 

Das Schöne ist – all die wunderbaren Wirkungen des Singens passieren ganz nebenbei! Außer einfach nur mit Freude bzw. positiven Erinnerungen und Gefühlen sich dem Singen hinzugeben, gibt es nichts zu tun! Ja, je leidenschaftlicher die innere emotionale Beteiligung, desto stärker und länger hält die Wirkung an! Na, dann ran – und viel Spaß dabei!          

Amithra Helga Reithmaier
(erschienen in Ausgabe 34, Juli 2017)

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