Geheimnis der Musik

Für die Entwicklung der abendländischen Zivilisation hat Musik eine große Bedeutung Für die Entwicklung der abendländischen Zivilisation hat Musik eine große Bedeutung
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Energiefeld mit positiven Schwingungen

Der Begriff „Musik“ wird heutzutage oft ebenso nachlässig verwendet wie das Wörtchen „Liebe.“ Nicht selten wird beides auf eine persönliche „Geschmackssache“ reduziert. Was aber, wenn der Musik, genauso wie der Liebe, eine viel höhere, geheime und göttliche Macht innewohnt, die in einem weit umfassenderen Maße auf die Menschheit einwirkt, als man allgemein annimmt? 

Im alten China gab es einen Kaiser namens Schun, der einmal im Jahr durch die Provinzen reiste, um sich über den Zustand des Landes und seiner Bewohner zu informieren. Das tat er, indem er die Tonhöhen der in den jeweiligen Regionen gespielten Musik überprüfte. Er verglich sie mit den von seinen Musikministern im Einklang mit dem kosmischen Ton hergestellten Instrumenten. Wichen die Töne von der „staatlichen“ Tonleiter ab, so befanden sich nach Ansicht des Kaisers die Menschen in einer Unbalance. Musik war die höchste aller Wissenschaften, derer sich alle staatlichen Ämter unterzuordnen hatten. In manchen Dynastien unterhielt man am Hofe zahlreiche Orchester mit jeweils mehr als fünfhundert Musikern. Die alten Chinesen waren der Ansicht, dass das Wohl einer Nation von der sich möglichst im Einklang mit dem universellen Klang befindlichen Musik abhing. Was im Hinduismus im „Om“ ausgedrückt wird, war für die Chinesen die kosmische Schwingung, die das ganze Universum als Echo des Urklangs durchdringt.

Deshalb kam der Musik als unmittelbarste Ausdrucksform der göttlichen Urschwingung im alten China eine äußerst verantwortungsvolle Aufgabe zu, die sich in einem Grundgedanken zusammenfassen lässt: „Wie in der Musik, so im Leben“. Entgegen der heutigen Auffassung, dass eine Gesellschaft die Musik­arten hervorbringt, war man damals genau anderer Ansicht: Die Musik bringt die Gesellschaft hervor. Daher war es wichtig, dass in der rechten Weise musiziert wurde. Und zwar nicht nur zur Unterhaltung, sondern zur Erschaffung und Aufrechterhaltung eines musikalischen Energiefeldes, welches sich über die ausbreitenden Schwingungen positiv auf das ganze Land auswirken würde.

Die Bedeutung der Musik auf die Entwicklung der abendländischen Zivilisation legte der Komponist Cyril Scott zum ersten Mal dar. Laut seinen Ausführungen hatten die großen Komponisten Europas einen weitreichenden Einfluss auf die Gesellschaftsstrukturen, die sich vor allem nach deren Musikschaffen bemerkbar machten. So prägte beispielsweise Händels Musik das fromme viktorianische Zeitalter in England. Bach wirkte insbesondere auf die Mentalebene ein und bereitete einen fruchtbaren Boden für die Dichter, Philosophen und nachfolgenden Komponisten des 19. Jahrhunderts. Beethoven rührte an das verkümmerte Mitempfinden, setzte damit die Wohltätigkeitsbewegungen in Gang und war zusammen mit Mendelssohn Wegbereiter für die Psychoanalyse. Schumanns Musik rückte die Kinder als eigenständige Wesen in den Fokus. Wagner inspirierte zu einem spirituellen Gefühl der Einheit, während Debussy mit seinen impressionistisch naturalistischen Klängen ein ökologisches Bewusstsein schuf.

Auch wirkte sich die Musik der bedeutenden Komponisten nicht immer nur positiv aus, sondern konnte genauso einen unangenehmen Einfluss nehmen, vor allem dann, wenn sie aus dem kosmisch-göttlichen Kontext gerissen wurde. Wagners Musik zum Beispiel erfuhr eine Degradierung der allumfassenden Einheitsbotschaft in ein ausgrenzendes Wir-Gefühl, welches letztlich zum Nationalsozialismus pervertierte.

Wenn nun Musik nicht nur eine Frage des Geschmacks ist, sondern über die unmittelbare Einwirkung auf den individuellen Hörer hinaus auch einen geheimen, fast magischen Einfluss auf ein Land ausübt, was würde Kaiser Schun zu unserem heutigen Umgang mit Musik sagen, die allgegenwärtig und vielgestaltig erklingt und den Mensch mehr oder weniger bewusst dauerbeschallt? „Wie in der Musik, so im Leben“.  

Sebastian Sylla
(erschienen in Ausgabe 32, November 2016)

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