Die innere Familienkonferenz

Die innere Familienkonferenz
© Dietl-Kleinhenz

Systemaufstellungen können unbewusste konflikthafte Zusammenhänge ans Licht bringen

Der Begriff „Familienaufstellung“ rückt zunehmend in das Interesse der Öffentlichkeit. Die Methode der systemischen Aufstellung geht auf die fa­­mi­lientherapeutischen Arbeiten von Minuchin, Moreno, Satir, Hellinger und anderen zurück. Auch Elemente aus der Gestalttherapie von Pearls sind Teil des Ablaufs.

In der Aufstellungsarbeit wird die Möglichkeit genutzt, mit Hilfe von Stellvertretern das Beziehungsgeflecht und beeinflussende Faktoren in einem Familiensystem sichtbar und erlebbar zu machen. Die eigenen Wahrnehmungen der Erfahrungen in einer Familie können dabei in einem neuen Licht gesehen werden und ein  erweitertes Bild ergeben.

Menschen beeinflussen sich als soziale Wesen fortdauernd gegenseitig, sowohl in der Gegenwartsfamilie (in der sie jetzt leben), früher schon in der Ursprungsfamilie (die Familie, aus der sie stammen), aber auch im beruflichen und sozialen Umfeld.

Als Einzelindividuen sind Menschen Teil im Lebenskreislauf. Eltern verhelfen ihren Kindern zum Leben; sie sind auch zuständig dafür, die Grundbedürfnisse ihrer Kinder nach Versorgung, Geborgenheit, Schutz, Raum und Grenzen zu erfüllen. So schaffen sie die Grundlage für Selbstvertrauen und Selbstverantwortung. Damit können sich Kinder gut von ihnen lösen und wiederum Leben weitergeben, selber Mütter oder Väter werden. Ganz reibungslos funktioniert das aber oft nicht. Die Erfüllung der Basisbedürfnisse wird selten durch fehlendes Verantwortungsbewusstsein der Eltern beeinträchtigt, sondern oft durch schicksalhafte Ereignisse in Familien. Als Erwachsene haben Kinder mit „Mangel“-Erfahrungen später oft Selbstwertprobleme, Ängste und eine negative Erwartungshaltung; sie sind frustriert statt zufrieden und neigen zu Hoffnungslosigkeit statt einen Sinn im Leben zu finden. Selten können sie etwas dankbar annehmen, sie konsumieren, aber werden nicht satt. Sie behalten ein Gefühl der Bedürftigkeit gegenüber den Eltern. Was sie von den Eltern nicht bekommen konnten, erwarten sie nun vom Partner oder von den eigenen Kindern. Beziehungen werden bis zum Zerreißen strapaziert, und die eigenen Verhaltensmuster werden an die Kinder weitergegeben. Kindliche Entwicklungs- und Verhaltensstörungen, berufliche und private Beziehungsprobleme, aber auch körperliche und seelische Erkrankungen haben darin eine entscheidende, tiefere Ursache.

Wie in einer „inneren Familienkonferenz“ können durch das Aufstellen der eigenen Familie diese Generationen übergreifenden Verbindungen sichtbar und damit bewusst gemacht werden. Es wird deutlich, dass die Rangordnung zwischen Eltern und Kindern oder Geschwistern unterein­ander gestört ist, aber auch die Achtung den Eltern gegenüber  beeinträchtigt ist. Es entstehen stattdessen zwei schicksalhafte Ausgleichsverhalten: Das Übernehmen von Verantwortung für die Eltern und deren Aufgaben, bzw. die Identifikation mit deren Schicksal oder mit den Schicksalen von früheren (z. B. ausgeklammerten oder vergessenen) Familienmitgliedern oder Personen und Ereignissen, die im Familiensystem eine Rolle spielen oder gespielt haben.

Es wird nach Lösungen gesucht, die eine Richtung auf dem eigenen Weg weisen. Für den Betroffenen bedeutet das, mit entsprechender Unterstützung die eigene Position und Haltung zum System zu verändern. Meistens führt das Ergebnis zu einer deutlichen Entlastung im Vergleich zur Ausgangssituation und wird als wichtiger Schlüssel und Hilfe für die Zukunft erlebt. Das gewonnene Bild kann durch den Alltag begleiten und einen Prozess in Gang bringen, der neue Aspekte und veränderte innere Einstellungen möglich macht. Bei wiederholten Aufstellungsarbeiten können wieder neue Aspekte betrachtet werden, entsprechend dem inneren Standort, an dem der Betreffende sich im Moment befindet.        

Gabriele Dietl-Kleinhenz
(erschienen in Ausgabe 24, März 2014)

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