Der Tanz des Lebens

Der Tanz des Lebens
Foto: Frank Siech

Eine sanfte Art der Bewegung hilft bei der Integration von Körper und Geist zu einem lebendigen Ganzen

„Biodanza“ ist eine in den 1960er-Jahren von dem chilenischen Psychologen, Anthropologen und Künstler Rolando Mario Toro Araneda entwickelte ganzheitliche Methode zur Entfaltung, Entwicklung und Integration der menschlichen Potentiale durch Musik, Tanz, Gesang und Begegnungen in der Gruppe. Der Begriff setzt sich aus dem altgriechischen Begriff „Bios“ für „Leben“ und dem spanischen Wort „Danza“ für „Tanz“ zusammen. 

Durch sensibles und vitales Erleben des gelebten Augenblicks, das durch eine Vielzahl unterschiedlicher Tänze, Übungen, Rituale und Zeremonien ermöglicht wird, werden dabei vielfältige Möglichkeiten geboten, Kontakt aufzunehmen und sich zu verbinden mit dem innersten Kern des eigenen Wesens, mit den individuellen Potentialen der Identität. 

Anders als bei vielen anderen Tanzmethoden muss man im Biodanza nichts „können“ und macht trotzdem alles „richtig“. Man tanzt nicht „schön“ oder „richtig“ im klassischen Sinne, sondern jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer wird eingeladen, im Tanz den eigenen Ausdruck zu finden. Es muss nichts einstudiert werden, vielmehr folgt man den eigenen inneren Impulsen, die durch die jeweilige Musik hervorgerufen werden, und verleiht ihnen einen ganz individuellen Ausdruck. Insofern kann man Biodanza durchaus als eine Methode des freien Tanzens beschreiben.

Gleichzeitig ist Biodanza aber insofern strukturiert, als der/die LeiterIn aus einem Fundus von mehreren hundert Tänzen passend zum jeweiligen Thema dreizehn oder vierzehn davon für eine „Vivencia“ (span. Erlebnis) aussucht. Diesen werden nach bestimmten Kriterien geeignete Musikstücke zugeordnet aus einem ständig wachsenden Schatz von bald 5000 Titeln. Somit entsteht bereits in der Planung ein kleines Kunstwerk. Zum eigentlichen Leben erwachen diese Kompositionen allerdings erst durch die Menschen und deren Tanz.

In wissenschaftlichen Studien wurden bereits viele positive Auswirkungen auf den Menschen nachgewiesen. So ermöglicht Biodanza z. B. eine Lösung der inneren Spannung und wirkt harmonisierend durch ein ausgewogenes Zusammenspiel von aktivierenden und entspannenden Tänzen. Die mittlerweile in vielen Ländern praktizierte Methode stellt eine kraftvolle Verbindung von Tänzen, Musik und Begegnungen in der Gruppe dar, wodurch sich die Persönlichkeit entfalten kann. Sie weckt im Menschen die ganze Lebendigkeit, den Genuss und die Freude am Leben und stärkt das Selbstbewusstsein und die Präsenz. Ebenso lässt sie schlummernde Potentiale wieder zur Entfaltung kommen. Den Erkenntnissen zufolge bringt Biodanza Körper, Seele und Geist wieder in Einklang und steigert das Wohlbefinden durch die Anregung kör­pereigener Substanzen (Hormone).

Gerade in einer Gesellschaft, in der viele im beruflichen und /oder im privaten Bereich unter einer andauernden Stressbelastung leiden, tun solche Inseln, auf denen sich Leichtigkeit, Wärme, menschliche Nähe und eben auch Freiheit ausbreiten können, außerordentlich gut. So sagt eine Kursteilnehmerin: „Nach meiner ersten Erfahrung mit ,meinem Tanz des Lebens‘ bin ich regelrecht nach Hause geschwebt. Ich war positiv ,infiziert‘ und erstaunt über das, was sich in meinem Inneren tat: ich fühlte mich lebendig, voller Freude und in Verbundenheit mit Allem.“

Viel braucht es nicht für den Tanz des eigenen Lebens: Freude an Musik und Bewegung sowie am Anfang etwas Neugier auf neue Erlebniswelten. Es können auch Menschen mit körperlichen Behinderungen (selbst Rollstuhlfahrer) mitmachen, da es in erster Linie auf die innere Bewegung ankommt. Man braucht nur leichte Kleidung und sich selbst mitzubringen.              

Ulrich Eversheim
(erschienen in Ausgabe 23, Novembr 2013)

 

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