Leben mit allen Sinnen

Leben mit allen Sinnen
Foto: Lipp

Den Augenblick voll auskosten durch Momente der Phantasie

„Sein” ist mehr als nur da oder dort zu sein. Wirkliches „Sein” bedeutet, das Leben mit allen Sinnen zu leben und zu erleben. Leider scheint es eher so, dass manche Tage von Stress, Frust, Langeweile oder Eintönigkeit bestimmt werden. Sicher lassen sich nicht alle Träume verwirklichen oder jeglicher Stress vermeiden. Es gibt aber ein paar einfache Tricks, um aus jedem Tag das Beste zu machen und im Alltag das Möglichste an gelebtem „Sein” heraus zu holen.

Um das Leben mit allen Sinnen leben zu können, gilt es wirklich im Augenblick präsent zu sein. Erleben und Wahrnehmen mit unseren Sinnen ist nur im spontanen Moment möglich. Die Alltagsrealität sieht meist so aus: der Körper da, die Gedanken oder der Geist wo anders. Am Arbeitsplatz: endlos lange Daten sind in den Computer einzugeben. Das ödet an. Die Gedanken fliegen zum letzten Wochenende oder planen den Urlaub. Das Ergebnis stellt  vermutlich auch nicht zufrieden.

Wie wäre es, die Gedanken auf die Füße zu lenken? Wahrzunehmen, wie sich Sitzen anfühlt? Das ist etwas so Einfaches, dass man sich damit gar nicht abgeben möchte. Was machen die anderen Sinne? Geruch, Gehör, Geschmack, Tastsinn – all das ist auch mit im Büro, Arbeitsplatz oder Haushalt. 

Bei bewegter Tätigkeit: bewusst nach etwas zu greifen, zu beobachten wie die Muskeln arbeiten. Darauf achten, ob sich ein Gegenstand kalt / warm oder hart / weich anfühlt. Ja, und was passiert noch im Körper drinnen? Meldet sich schon der Magen? Schlägt das Herz langsam oder schnell? Es gäbe allein im und am Körper so viel zu entdecken und zu beobachten. Da ist von den Dingen, die uns von außen begegnen, noch gar nicht die Rede.

Den Ideen sind keine Grenzen gesetzt. Mit der Phantasie spielen und ausprobieren, was man alles machen und erfinden kann, um den Augenblick voll auszukosten. Sobald die unterschiedlichsten Sinne genutzt werden, ihr Können zeigen dürfen, ist Schluss mit Langeweile und Eintönigkeit. Eine wohltuende Frische stellt sich ein. Das Leben gewinnt Sinn, Spannung und macht Freude. Und gerade während der Arbeit werden so viele körperliche Fähigkeiten in Gang gebracht. So viele und feine Details, dass der Tag für das Abenteuer der Beobachtung und des Ausprobierens gar nicht ausreicht.

Tiere sind ein gutes Beispiel: Ein Hund liegt gemütlich vor seiner Hütte, aber in dem Moment, wo das geringste Geräusch ertönt, ist er schon wach. Die Katze sitzt auf der Wiese, sie bewegt sich nicht – endlos lange. Da, eine Maus, Schwupps, hat sie diese. Obwohl Tiere zu schlafen scheinen, sind sie voll präsent und trotzdem entspannt. Sie sind ganz im Augenblick. Die Katze überlegt nämlich nicht, ob die Maus groß oder klein, dick oder mager sein könnte. Sie sitzt, nur das zählt. Sie nimmt jedes Geräusch, jede Bewegung, jeden Geruch in Sekundenschnelle wahr. 

In einer Arbeitspause könnte der Blick nach draußen schweifen, das Licht, Landschaft und Umwelt erfassen. Geräusche sind wahrzunehmen. Dort ein wenig verweilen. Eine Blume oder Pflanze, die vor uns steht, anschauen und auf sich wirken lassen. Selbst in der Freizeit beim Spaziergang neigt man dazu durch Wald oder Wiese zu rasen, ohne auch nur die Füße auf dem Boden zu spüren, die Steine oder das Gras zu beachten. Wer bleibt schon stehen und bewundert die schönen Grashalme? Wer fasst einmal eine Baumrinde an, lehnt sich daran und verweilt?

In solch einfachen kleinen Schritten liegen Kraft und Erfolg. Ganz einfache Momente in Alltag und Berufsleben einbauen, sie in die Gegenwart holen und das Leben wieder spüren lassen. 

So wird das Leben wieder wirkliches Leben und wahres „Sein”. Dann ist man auch da präsent, wo man sein soll.               

Regina Lipp
(erschienen in Ausgabe 22, September 2013)

 

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