Chance für ein zufriedenes Leben

Chance für ein zufriedenes Leben
Foto: Lutz A. Kilian

Eine Visionssuche in der Natur kann als Orientierungshilfe im Alltag dienen

Die Visionssuche ist ursprünglich ein indigenes Ritual zur persönlichen Sinnsuche und Selbstheilung durch eine Fasten-Auszeit in der Natur. Der Suchende zieht sich dabei für eine bestimmte Zeit alleine zurück. Zuvor erarbeitete Fragestellungen und Anliegen können während dieser Zeit Antworten erhalten. Rituale dieser Art wurden bereits in vorgeschichtlicher Zeit durchge­führt. 

Der Begriff „Ritual“ ist aus dem Sanskritwort „rta“ abgeleitet, was mit „Wahrheit“ übersetzt wird. Für den namhaften Mythologie-Forscher Joseph Campbell hat das Ritual die Funktion „dem menschlichen Leben Form zu verleihen, und zwar nicht durch sein bloßes Ordnen auf der Oberfläche, sondern in seiner Tiefe“.

Seit Jahrtausenden findet man Visionssuchen bei vielen Naturvölkern mit nur kleinen Unterschieden in ihrem Ablauf. In allen Kulturen der Erde wurden und werden Wachstum, Kindheit, Jugendzeit, Erwachsenensein und das Alter sowie Jahreszeiten und der Lauf der Dinge mit Unterstützung von Ritualen ins Bewusstsein geholt. Der amerikanische Psychologe Steven Foster und seine Ehefrau Meredith Little haben die ursprüngliche indigene Visionssuche neu aufbereitet. Seither wird sie weltweit von vielen Anbietern weitergeführt.

Wahrnehmung und Erfahrung zeigen einen großen Bedarf an der Würdigung von Übergängen in einer Form, die den Menschen im Westen zugänglich und verständlich ist. Die Möglichkeit zur Umsetzung und Integration der Erlebnisse in das persönliche Umfeld stehen dabei an oberster Stelle. Was die moderne Gesellschaft von einer gut funktionierenden Struktur eines Naturvolkes unterscheidet, sind auf jeden Fall das soziale Gefüge und die Entfremdung von der Natur. Themen wie Übergänge, Grenzüberschreitung und Momente des Dankes und der Bitte sind alltäglich, ein zeremonieller Rahmen dafür ist traditionell nicht mehr vorgegeben. Wie kann man also als „zivilisierter Mensch“ eine Brücke schlagen zwischen Ur-Sehnsüchten und der schnelllebigen und leistungsorientierten Gesellschaft? Eine Möglichkeit ist z. B. eine innere sogenannte „systemische Grundhaltung“. So kann man lösungs,- ressourcen,- handlungs und zielorientiert wirken. In Verbindung mit dem Wissen, dass es sich bei einer Auszeit in der Natur oder Visionssuche um eine Naturerfahrung handelt, geht es darum einen Bogen zu schlagen, einen Transfer zum Alltagsleben zu schaffen.

„Obwohl die Menschen selbst Teil der Natur sind, ist diese doch oft ein Raum, der sich nicht hier, sondern „draußen“ befindet. Natur gilt als Gegenstück zur Kultur, Wildnis als Gegenstück zur Zivilisation. Und dieses Gegenstück dort draußen dient dem Menschen nicht nur als ersehnter Erholungsraum, sondern oft auch als Spiegel für eigene, innere Bilder oder Bilder aus dem kollektiven Unbewussten.“ (H.P. Hufenus) Diesen Umstand heisst es aufzugreifen und neben konkreter Naturerfahrung auch die Möglichkeiten einer metaphorischen, einer energetischen und spirituellen Naturerfahrung zu nutzen. 

Um die Individualität jedes Einzelnen zu unterstützen und ihr Raum zu geben, ist ein vorgegebener traditioneller oder religiöser Rahmen nicht nötig. Auf die heute praktizierte Visionssuche begeben sich Menschen, die diese Erfahrung machen möchten, zwei Tage und zwei Nächte ohne Nahrungsmittel aber mit ausreichend Wasser, allein in die Natur. Mit Vor- und Nachbereitung kann die Gesamtdauer ca. 5-12 Tage betragen. Tausende von Menschen aller Altersklassen haben in den letzten zwei Jahrzehnten in den USA und Europa dieses Ritual praktiziert. 

Der Mensch trägt ein individuelles Potenzial in sich, das zur Entfaltung drängt. Je mehr diese Entfaltung zugelassen wird, umso höher ist die Chance für ein vitales, zufriedenes und erfülltes Leben. Die Natur kann dabei eine große Unterstützung und Partnerin sein.    

Astrid Rößler / Michael Stange
(erschienen in Ausgabe 21, Juni 2013)

 

 

 

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