Der Ruf der Berggeister

Der Untersberg gilt seit Alters her als "Kraftort" Der Untersberg gilt seit Alters her als "Kraftort"
Foto: R. Limpöck

Alpenschamanische Wege zum Verständnis des beseelten Natur

In der modernen westlichen Kultur gibt es keinen traditionellen Schamanismus mehr. Im Neoschamanismus, zu dem auch der Alpenschamanismus zählt,  macht  man sich auch das Wissen anderer Kulturen nutzbar. Hier geht es um das Wieder-Einbetten von Tradition z. B. bei Ritualen, die zu bestimmten Festtagen des Jahreskreis­kalen­ders durchgeführt werden. Damit wird letztendlich eine neue Tradi­tion begründet und Kultur geschaffen.

Demnach ist Alpenschamanis­mus ein integrativer Neoschama­nismus im Sinne des Bioregio­nalis­mus, dessen Wurzeln sich unter anderem im keltischen Dru­identum finden. Die Natur war unseren Urahnen heilig. Ihre Tempel lagen häufig fern menschlicher Be­­hausung, auf Hügelkup­pen oder in Grotten. Erst durch die Chris­ti­anisierung sind diese Art der Na­tur­verbundenheit und damit die scha­manischen Bräuche immer mehr in Vergessenheit geraten.

Auf ritueller Ebene ist Alpen­schamanismus ein loses System, dass sich aus schamanischen Praktiken fremder Kulturen und alpenländischem Brauchtum zusammensetzt. Man unterscheidet zwischen Ritualen die jederzeit durchgeführt werden können (Räucherungen, Trommeln, Anru­fungen) und solchen, die nur zu bestimmten Jahreskreis­festtagen oder an bestimmten Orten (u.a. Durchschlupfrituale an Spalt­fel­sen oder Baumwurzeln, Initia­ti­onsritualen in Höhlen oder Visi­onssuche in abgelegenen Ge­birgsregionen) durchgeführt werden. Es sind dies Techniken oder Methoden zur Bewusstseinsver­än­derung, die der Kontaktauf­nahme mit anderen Realitäten dienen sollen.

Jede Bioregion feiert ihren scha­­manischen Jahreskreis aufgrund der dortigen Traditionen, Bräuche, Mythologie und Religion individuell. So wird u. a. das keltische Fest Samhain im Gebirgs­raum als ursprüngliches Ahnen­fest zum Gedenken an die Ver­storbenen  in einer Höhle, die eine enge Ver­bindung zu Mutter Erde ermöglichen soll, abgehalten.

Das Ritual des Trommelns basiert im Alpenschamanismus auf der Trommeltechnik des Core-Schamanismus und dient zur Ver­änderung der Wahrnehmung (Tran­cereise), ist aber auch zugleich ein Mittel zur Kommuni­kation mit der Natur, den „Spirits“ und den anderen Wirklichkeiten. Im Alpenraum findet sich eine Vielzahl von Trommelgruppen, die sich regelmäßig zur schamanischen Arbeit – oft auch an Kraft­orten – treffen.

Beim Kraftwandern geht man bewusst aus der Hast und dem Dunst des Alltags hinaus und hinein in die Reinheit und Stille der Natur und der Wildnis. Spontanes Formen von Steinkreisen oder Steinmandln unterstützt den Pro­zess der Kontaktaufnahme genauso, wie am Ziel der Wan­de­rung einen Naturaltar aus Stei­nen, Moos, Blumen und Blät­tern zu errichten. Dadurch wird schamanisches Wissen im Wan­dern umgesetzt und die Aufmerk­samkeit geschärft, um die Hin­weise und subtilen Zeichen der Natur wahrzunehmen.

Der Erhalt und Schutz von Kraftorten und Kultplätzen birgt einen tiefenökologischen Aspekt, den viele Alpenschamanen wahren. An diesen Orten, die in den Mythen und Sagen der jeweiligen Region erwähnt werden und schon seit Jahrhunderten von Men­schen aufgesucht werden, um dort Rituale und Zeremonien abzuhalten, stehen heute sakrale Gebäude wie Kirchen und Kapel­len, die über älteren Kultstätten errichtet wurden und sich die Ener­gie zunutze zu machen, welche oft durch darunter verlaufenden Energielinien, so genannten Ley­lines, erzeugt werden.

Im Alpenschamanismus gibt es „Ortsgeister“, die als Lehrmeis­ter bezeichnet werden. In den Alpen sind vor allem die „Berggeister“ (siehe die Mythen vom Alperer, dem Kasermandl oder der Winter­brend­lerin) von besonderer Be­deutung.

Alpenschamanismus vermittelt die Sicht einer beseelten Welt und den damit verbundenen respektvollen Umgang mit der Natur.

Rainer Limpöck
(erschienen in Ausgabe 17, März 2012)

 

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