Stefan Erdmann

Stefan Erdmann
© Stefan Erdmann

"Habe mir vorgenommen, das Schöne zu zeigen"

Ein Wahl-Chiemgauer und sein Weg zum erfolgreichen Natur- und Heimatfilmer 

Weit draußen im Nordatlantik hat er eine mystische Insel filmisch porträtiert und auf den Höhen des Himalaya ein Königreich in den Wolken. Doch wahre Schönheit liegt oft vor der Haustür. Mit dieser Erkenntnis setzt Stefan Erdmann aus Übersee seine Liebe für den Chiemgau mit der Kamera meisterlich in Szene. 

Sein Weg zum Filmemacher gestaltete sich verschlungen. „Als Jugendlicher woll­te ich eigentlich Rockstar werden“, erinnert sich der 50-Jährige. Doch zunächst machte er eine Lehre zum Schriftsetzer – dem Beruf, den auch sein Vater ausübte. Das verdiente Geld investierte er in ein Tonstudio. „Ich hatte Haare bis zum Boden und die Gewissheit: Ich werde mit meiner Musik die Welt erobern“, erzählt der gebürtige Münchner. „Kurz darauf bin ich wieder am Boden angekommen“, stellt er im Rückblick schmunzelnd fest.

Auf den Boden der Realität verhilft ihm der Staat, der ihm eine Uniform anziehen will. Stefan Erdmann entscheidet sich alternativ für den Zivildienst. Begleitend dazu macht er den Meister für Druck und Papier. Mit einer Werbeagentur wagt er mit Anfang Zwanzig den Weg in die Selbstständigkeit, gewinnt namhafte Auftraggeber, gründet bald eine zweite Firma: Ein Filmarchiv mit Schwerpunkt Naturaufnahmen. Doch Pech mit einem Partner zwingt ihn Anfang 2000, sein Geschäft neu aufzubauen. Aber er lässt sich nicht unterkriegen. „Ich möchte kreativ sein, ständig etwas produzieren und habe viel Energie – das war schon immer so“, stellt er fest. 2006 dann ein zweiter geschäftlicher Rückschlag: Ein bestens ausgebildeter Mitarbeiter verlässt seine Firma und nimmt wichtigste Kunden mit. Für Stefan Erdmann ein existenzielles Desaster, doch gleichzeitig auch ein Zeichen, um etwas Neues zu beginnen. 

„Neben der Musik hatte ich einen weiteren Traum. Und den beschloss ich jetzt zu realisieren“, erzählt er. „Er betrifft Island – für mich ein Wort voller Magie und Zauber. Schon immer wollte ich einen Film machen über die Insel aus Feuer und Eis.“ Bereits mit 20 Jahren hatte er Video-Clips zu seiner Musik gedreht und später im Kundenauftrag als Werbefachmann immer wieder gefilmt. Wertvolle Erfahrungen, die er sich zu Nutze machen kann. Doch wie das Vorhaben finanzieren? „Ich hatte kein Geld für Flug und Aufenthalt, mindestens zweimal zehn Wochen waren für das Projekt erforderlich. Ich aktivierte mein grafisches Know-How und entwickelte ein 8seitiges Exposee.“ Damit wandte er sich an Airlines und Autovermieter mit dem Versprechen: „Ich mache mich auf den Weg und werde den schönsten Film über Island schaffen, den es gibt.“ So fanden sich Unterstützer, mit deren Hilfe das Projekt realisiert werden konnte. Und über das Internet gab es 400 Vorbestellungen für die DVD. Im Rückblick erkennt der Künstler: „Die Resonanzen auf meinen Film waren unfassbar. Ich habe ihn auch live kommentiert in mehreren Städten gezeigt. Darauf­hin wurde ich von Veranstaltern gebucht. So habe ich mir langsam meinen Namen erarbeitet.“ 

Durch den Erfolg motiviert, folgte ein Film über ein Land mit ähnlicher Magie: „Ein Bekannter ist Inhaber einer Reiseagentur“, erzählt Stefan Erdmann. „Er wollte, dass ich auf meine persönliche Art und Weise Bhutan porträtiere, das mystische Königreich im Himalaya. Bin ihm heute noch dankbar dafür. Es war ein faszinierendes und unvergessliches Erlebnis.“

2008 war Stefan Erdmann mit Ehefrau Sabine und den beiden Kindern in den Chiemgau gezogen. Seine Frau ist gebürtige Traunsteinerin mit Verwandtschaft in Truchtlaching und die Familie hatte schon früher viel Zeit in der Region rund um den Chiemsee verbracht. „Schnell war mir klar, dass ich auch über meine neue Heimat einen Film machen möchte“, erzählt der Wahl-Chiemgauer. „Über diese außergewöhnlich schöne Gegend gibt es so viel zu erzählen, dass das Projekt von Anfang an als Trilogie geplant gewesen ist.“ 

Seine Projekte sind zeit- und arbeitsaufwändig, alle Produktionsabläufe erfolgen durch ihn selbst. An seinem Chiemgaufilm hat er vier Jahre gearbeitet, war fast täglich am Drehen und Schauen. „Man muss die Landschaften kennenlernen, man muss wissen, wann man wo zu welcher Tageszeit sein muss“, erklärt der Autodidakt. „Deshalb bin ich zu jeder Tages- und Nachtzeit und zu jeder Jahreszeit in Bewegung.“ Und er stellt fest: „Ich bin oft wochenlang unterwegs, bis es meinem Anspruch genügt. Und die Zeiten wo nichts passiert, bringen mich zu dem Moment wo sich etwas offenbart.“ Seine Arbeit ist für ihn Realisieren eines Traumes: „Ich habe mir vorgenommen, den Leuten das Schöne zu zeigen. Alles Negative bekommt man in den Nachrichten um die Ohren. Es ist mir wichtig, unaufdringlich und ohne erhobenen Zeigefinger das Bewusstsein der Leute zu schärfen. Es gibt so viele Menschen in der Umgebung, die waren noch nie auf dem Berg oder in der Früh um Fünf an einem See, wenn sich der Nebel auflöst. Das sind für mich die Momente in denen ich meine Energie auftanke.“

Für die Rückschläge in seinem Arbeitsleben ist der Überseeer dankbar, weil sie ihn dorthin geführt haben, wo er jetzt ist. „Es gibt im Leben immer nur einem Weg – und das ist der nach vorne.“ In diesem Sinne wird er Island, Norwegen, Schweden, Finnland intensiv bereisen, um bis 2018 ein Nordland-Projekt zu realisieren. „Mir war noch nie in meinem Leben langweilig und ich denke, daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Denn ich habe noch viele Ideen, die ich gerne umsetzen möchte.“                                                                                  

Lutz A. Kilian
(erschienen in Ausgabe 32, November 2016)

                   

 

 

 

 

 

 

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