Renate M. Mayer

Renate M. Mayer
Foto: Privat

"Der Besuch der alten Dame"

Kulturbetrieb vielfältiger Art bildet den Lebensmittelpunkt einer Chiemgauer Rentnerin 

Man kann ihr stundenlang zuhören, wenn sie aus ihrem Leben plaudert. Und der Begriff „Seniorin“ mag einem gar nicht kommen, wenn man sich mit der 76-Jährigen über ihre Aktivitäten unterhält. „Mein ganzes Leben ist Hobby“, sagt Renate M. Mayer. Seit vielen Jahren spielt sie Theater, ist Dichterin, Fotografin und Vorleserin. „Alles ist Amateur, ich bin nirgends ausgebildet“, erklärt sie bescheiden.

Eine erfolgreiche Amateurin. Schauspielerin zu werden war ihr Berufswunsch als Kind. Und als Erwachsene hat sich für sie dieser Traum erfüllt. Wenngleich nicht im Kino auf der Leinwand, so aber auf den „Brettern, die die Welt bedeuten“ – seit mittlerweile 26 Jahren im TAM-OST Theater am Markt und hin und wieder auf anderen Bühnen. Sie stand in vielen Rollen unter anderem in dem Ein-Personen-Stück „Langusten“ von Fred Denger auf der Bühne oder gab „Die amerikanische Päpstin“ von Ester Vilar sowie auch die „Elisabetta“ von Dario Fo. Zwölf Jahre lang setzte sie sich auch als 1. Vorstand für das Wohl des Vereins ein und macht heute mit Freude Öffentlichkeitsarbeit, schreibt PR-Texte und gestaltet Flyer und Newsletters.

Sich in Oberbayern für die darstellende Kunst zu engagieren, stand zunächst nicht im Lebensplan der gebürtigen Berlinerin. „Ich bin früh von zuhause weg“, blickt sie zurück. „Meine Mutter war eine starke Persönlichkeit – ich aber auch. Das hat sich nicht vertragen“. So bewirbt sich die damals 19-Jährige nach Besuch der höheren Handelsschule auf Inserate in westdeutschen Zeitungen. Bei einer Musikfirma in Gütersloh tritt sie eine Stelle als Büromädchen an, arbeitet dann als Cutterin bei Ariola und ist als musikalisch-technische Assistentin tätig. Als sie in ein Produktionsbüro nach München versetzt wird, lernt sie ihren ersten Ehemann kennen, einen Komponisten und Textdichter. Durch ihn kommt sie an den Chiemsee nach Prien und ist 7 Jahre mit ihm verheiratet.

Dann vollzieht sich eine Wende in ihrem Leben. Die Ehe wird geschieden, Renate M. Mayer schult um zur Arzthelferin. Lernt ihren zweiten Ehemann kennen. Absolviert ein – nach ihren Worten –  Schmalspur-Theologiestudium, eine Ausbildung zum Unterrichten durch das Ordinariat, und ist als Katechetin an einer Grundschule tätig. „Nachdem ich selber keine Kinder bekommen habe, wollte ich mit Kindern arbeiten“, erklärt die Breitbrunnerin.Die amerikanische Päpstin (Foto: Privat)Die amerikanische Päpstin (Foto: Privat)

Doch das Schicksal geht seine eigenen Wege: Im Alter von 46 Jahren wird bei ihr einseitiger Brustkrebs diagnostiziert. Postoperativ bricht sie die Chemotherapie
nach der Hälfte der Behandlung ab – auf eigene Verantwortung. „Ich bin aus der Klinik desertiert, wollte gesund ernährt werden, habe Frischzellen- und Misteltherapie gemacht“, erinnert sich Renate M. Mayer. „Fünf Jahre lebte ich anschließend vegetarisch“. Lange Zeit ist „Ruhe“. Doch 15 Jahre nach der Ersterkrankung wieder ein Tumor: Die andere Brust. Wieder hält sie es in der Klinik nicht lange aus. „Ich habe auch schamanische Hilfe in Anspruch genommen beim zweiten Mal. Das half mir, alte Verletzungen aufzuarbeiten, die eine Belastung dargestellt haben“, ist die Chiemgauerin überzeugt. „Es ist mir wichtig, ein mündiger Patient zu sein. Das hat mit meinem Hang zu tun ,ich mach das selber‘.“ Über zwanzig Jahre ist sie schließlich in der Erwachsenenbildung im Bildungswerk Rosenheim tätig, wo alles, was sie mal gelernt hat, irgendwann gebraucht wird. Sie liebt diese vielseitige Arbeit sehr, bis sie in Rente geht. 

Neben ihrer Schauspielerei veranstaltet sie seit 15 Jahren Lesungen für Erwachsene in der Stadtbücherei Rosenheim: Romane, Novellen, Kurzgeschichten, Erzählungen zu verschiedenen Themen. Im letzten Jahr zum Beispiel unter dem Titel „Deutsche Sprachen“, wo sie verschiedene Stücke in mehreren Dialekten vortrug. Heuer sind es „Stimmen der Kontinente“, die sie in 8 Lesungen ihrem Publikum präsentiert. „Das Erarbeiten des Konzeptes ist viel mehr Arbeit, als das Vorlesen“, erklärt sie. „Ich liebe Sprachen und Sprechen“. So schreibt sie für den Kulturteil des OVB Besprechungen für Theaterstücke, hält Einführungsreden für Kunstausstellungen. Seit 35 Jahren verfasst sie Gedichte. „Das sind Reflexionen“, erklärt Renate M. Mayer. „Ich schreibe sie für mich persönlich, und mache Lesungen. Das läuft nebenbei“. Seit vielen Jahren hat sie auch ein Faible für die Fotografie: Portraits, Kinder, Landschaften. Davon zeugen Ausstellungen in Rosenheim, Breitbrunn, Prien und Grassau. Fotos, die sie manchmal mit ihren Gedichten kombiniert. Zuletzt waren es Fotos von „Spiegelungen“, Darstellungen ihrer Lieblingsstadt Venedig aus einer ganz anderen Perspektive.

Renate M. Mayer ist Mitbegründerin des Kulturforums Rosenheim e.V., dem Dachverband für alle, die im Bereich Kultur tätig sind oder sich dafür engagieren. Dort war sie einige Jahre Stellvertretende Vorsitzende und wurde gerade zum Zehnjährigen des Vereins zum Ehrenmitglied ernannt. Aus der Hand von Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer erhielt sie kürzlich die Verdienstmedaille der Stadt für ihre gesamte Kulturarbeit. 

Hat sie Zukunftspläne, Ziele, die Sie erreichen möchte? „Ich würde gerne die Sachen, die ich jetzt mache, noch lange weiter machen“, wünscht sich die agile Rentnerin. Auf ihrem Schauspielplan z. B. steht als Nächstes „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt. „Man darf raten, wer die Hauptrolle spielen soll“, sagt sie mit einem verschmitzten Lächeln.                        

Lutz A. Kilian
(erschienen in Ausgabe 29, November 2015)

                   

 

 

 

 

 

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