Silke Aichhorn

Silke Aichhorn
Foto: Aichhorn

"Mein ganzes Leben ist Planung"

Chiemgauer Musikerin führt ein Leben zwischen Konzerten und Haushalt

Einmal rund um den Erdball fährt die Traunsteiner Harfenistin Silke Aichhorn in einem Jahr, wenn man die Entfernungen zusammen rechnet, die sie zwischen ihren Konzerten zurück legt. Dabei summieren sich auf 40.000 Kilometer nur die Strecken, die sie mit ihrem Kombi unterwegs ist. Denn außerdem hat sie noch Auftritte in fernen Ländern, wie z. B. kürzlich in Australien beim Weltharfenkongress in Sydney.

Ein besonderes Schlüsselerlebnis, das sie auf ihren musikalischen Weg brachte, gibt es im Leben der international bekannten Künstlerin nicht. „Ich weiß nicht, wie ich zur Harfe kam. Die Harfe hat sich mich ausgesucht“, scherzt sie rückblickend. So beginnt die Tochter eines Zahntechnikermeisters bereits in jungen Jahren auf ihr Ziel hinzuarbeiten, ein eigenes Instrument zu besitzen. „Harfe ist im Chiemgau keineswegs ungewöhnlich“, weiss sie zu berichten. „Sie ist im Rahmen der Volksmusik üblich“. Nichtsdestotrotz kostet das Instrument, welches ihr vorschwebt, ca. 30.000 Euro. So jobbt Silke Aichhorn vor ihrem Studium als Bedienung, während ihres Studiums in einer Bäckerei und auf Obstplantagen. 

Foto: AichhornFoto: AichhornGeboren wurde sie in der Schweiz – in der Stadt Uster im Kanton Zürich. Im Alter von drei Monaten kommt Silke Aichhorn nach Traunstein. Als junge Erwachsene zieht es sie wieder zurück ins Land der Eidgenossen. Nach einjähriger Vorbereitungszeit tritt sie dort ihr Harfenstudium am „Conservatoire de Lausanne“ an. Ergänzt durch eine Zeit an der Musikhochschule Köln dauert die Ausbildung sieben Jahre. Jedoch: „Ausbildung hört nie auf“, postuliert die Künstlerin. „Ich hoffe, ich verbessere mich täglich und ich weiß, ich kann immer noch besser spielen.“ Und ihr Bestes gibt sie bei all ihren Auftritten, die sie auch moderiert. „Ich weiß nicht, wie viele tausend Konzerte ich schon gespielt habe. Ungefähr 100 sind es momentan im Jahr, mindestens 2000 insgesamt“, schätzt sie überschlägig. Dabei ist sie „sehr breit aufgestellt“: Von Renaissance bis Jazz im Solobereich über alle Kammermusikbesetzungen für Harfe – sie verfügt über ein großes klassisches Repertoire. Doch dabei lässt sie‘s nicht bewenden: „Ich übe dauernd neue Stücke“, erzählt sie. Und ihre Kreativität trägt Früchte: Vor zwei Jahren wurde Silke Aichhorn in Berlin mit dem Titel „Kultur- und Kreativpilotin 2012“ der Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung ausgezeichnet. Ihr leidenschaftliches Arbeiten, die Harfe weiter in den Blick der Öffentlichkeit zu rücken, wurde unter 611 Bewerbern für auszeichnungswürdig befunden. „Ich bin als ,leuchtendes Beispiel‘ dafür ausgesucht worden, dass man mit viel Arbeit im Kulturbereich etwas werden kann“, sagt sie mit einem Schmunzeln. 

Diesen Kulturbereich verbindet die vielseitige Künstlerin auch mit sozialem Engagement: Seit April 2013 ist sie Botschafterin des ambulanten Hospizdienstes der Caritas Traunstein. Mit ihrer Harfe den Hospizgedanken einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen, ist ihr Bestreben.

Früher spielte sie regelmäßig im Rahmen der „Live-music-now-Organisation“ von Yehudi Menuhin in Krankenhäusern, Hospizen und sozialen Einrichtungen. Die Schwingung des Instruments geht nach ihrer Erkenntnis nicht über den Kopf, sondern direkt in den Bauch. „Die Wirkung der Harfe ist sehr anrührend“, sagt sie. Das spiegeln auch manche ihrer Erlebnisse wider. „Ich war auf Schwerkrankenstationen“, erinnert sich die Virtuosin. „Dabei bleibt mir ein Patient im Gedächtnis, der in seinem Bett lag, verkabelt war von oben bis unten. Der hat mich spielen gehört und dankbar festgestellt: ,Das hat mir so gut getan.‘“ Einem anderen Schwerkranken sind die Tränen gekommen: „,Die Tür nach oben ist offen ...‘, hat er voller Ergriffenheit geflüstert“.  

Ja, Harfe kann Türen öffnen – aus welcher Sicht man es auch immer betrachten möchte. So ist sogar der Vatikan schon auf die Traunsteinerin aufmerksam geworden. Im vergangenen August gab sie ein Privatkonzert für Papst emeritus Benedikt XVI. Voran gegangen war ein Auftritt in Höch­stadt an der Aisch. Der dortige Dekan fragte sie, ob sie nicht für Benedikt spielen wolle. Kurzfristig wurde dann ein Termin in Absprache mit dessen Privatsekretär vereinbart. Eine Stunde lang durfte die mehrfache Preisträgerin internationaler Wettbewerbe dem vormaligen Oberhaupt der katholischen Kirche zusammen mit ihrem Flötisten Prof. Dejan Gavric ein bunt gemischtes Programm präsentieren. Aber auch weltliche Institutionen erfreut sie mit ihrer Kunst: Seit Jahren spielt sie zum Neujahrsempfang des Ministerpräsidenten in der Residenz in München.

Deutschlands bekannteste Harfen-Solistin kennt auch andere Dinge als die Musik. „Ich kann motorsägen, surfen, Gleitschirm fliegen, klettern“, zählt sie lächelnd auf. Aber in ihrem Alltag als Ehefrau, Hausfrau und Mutter von zwei sieben und zehn Jahre alten Töchtern ist für solcherlei Aktivitäten eher wenig Raum. Denn in der erfolgreichen Koexistenz von Haushalt, Familie und Auftritten liegt ihr volles Engagement. „Mein ganzes Leben ist Planung“, stellt sie fest. Und stellt zwei Dinge in den Vordergrund: „Ich möchte eine gute Mutter sein. Und Menschen mit meiner Musik berühren“.                                                                                                                                            

Lutz A. Kilian
(erschienen in Ausgabe 26, November 2014)

                   

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