Sabina Sigl

Sabina Sigl
Foto: Lutz A. Kilian

"Ein Wegzeiger, um das Glück zu finden"

Eine österreichische Pferde- und Menschenfreundin ermöglicht krebskranken Kindern sorgenfreie Tage

Wissenschaft und Medizin haben für viele Leiden eine Lösung. Die Diagnose „Krebs“ jedoch empfinden viele Menschen auch heute noch als furchtbares Urteil. Angst, Hoffnungslosigkeit und der Gedanke an den Tod bestimmen plötzlich das Leben. Diese Erfahrung machen zu müssen, ist schon für Erwachsene schlimm genug. Besonders tragisch ist es jedoch, wenn Kinder von der Krankheit betroffen werden. 

Eine, die beide Seiten kennt, ist Sabina Sigl aus Mattsee im Salzburger Flachgau. Vor Jahren selbst Krebspatientin, ermöglicht sie heute krebskranken Kindern eine unbeschwerte Auszeit in ihrem Kampf gegen das heimtückische Leiden. Auf der „Kidsfarm“ in Herrneich bei Tittmoning gewinnen die jungen Patienten für ein paar Tage Abstand von trüben Gedanken, Ängsten und Sorgen. „Happy Weekend“ nennt die Veranstalterin ihre Initiative, die sie mithilfe von Sponsoren, ihrer Freundin Eva Winter und großem eigenem Engagement veranstaltet. 

Auf dem ehemaligen Bauernhof werden seit 2003 Reitercamps für Kinder veranstaltet, mit der Möglichkeit zum integrativen Reiten. „Damals habe ich hier als Betreuerin und Reitlehrerin angefangen“, erzählt Sabina Sigl. Ursprünglich hat sie die Hauswirtschaftsschule besucht. Diese bricht sie ab, um eine Ausbildung zur Friseuse zu machen und mit dem verdienten Geld schneller an das Ziel zu kommen, ihr erstes eigenes Pferd zu kaufen. Als sie dies erreicht hat, macht sie das Hobby zum Beruf. Heute ist sie nach entsprechenden Ausbildungen Diplom-Pferdetherapeutin, Jungpferdetrainerin, Wanderreitführerin, Natural Horsemanship- und Westernreittrainerin. Im Gesamten eine erfüllte Selbstständigkeit, die sie weit herumkommen lässt, u. a. bis nach Japan führt. Auf dem Höhepunkt des Erfolgs plötzlich die Diagnose: Krebs der Gebärmutter. „Es war ein so genannter Müller-Mischtumor“, sagt Sabina Sigl im Rückblick. „Eine besonders aggressive Krankheitsform, von der bis zu diesem Zeitpunkt in Europa nur fünf Fälle bekannt waren“, erklärt sie. „Das war 2005“, erzählt sie weiter. „Bei der OP ist alles ,erwischt‘ worden. Man glaubt, man hat alles überstanden und beginnt, wieder zu leben.“ Drei Jahre später. Die damals 36-Jährige entdeckt Veränderungen an einem Muttermal. Hautkrebs. „Eine völlig andere Geschichte“, stellen die behandelnden Ärzte fest. Denn von der DNA her sind die beiden Krebsarten nicht miteinander verwandt. Es folgt das schon bekannte Procedere: Chemotherapie, Operation. Aber die schlanke blonde Frau lässt sich nicht unterkriegen. „Man muss es annehmen, wie es ist“, sagt sie. Für sie ist Krankheit ein Symptom dafür, dass an der Lebensweise etwas verändert werden muss. „Durch meine Krankenhausaufenthalte weiss ich, dass es wichtig ist, für die Psyche etwas zu tun“, erklärt sie. So schafft sie mit Hilfe ihrer Freundin Eva, ehrenamtlichen Helfern und Sponsoren, wie z. B. dem Lionsclub Waging sowie von Spenden aus von ihr veranstalteten Diavorträgen die Möglichkeit, zusätzlich zum „normalen“ Betrieb auf der „Kidsfarm“ krebskranken Kindern ein sorgenfreies Wochenende zu bescheren. Sabina Sigl erinnert sich an ein Mädchen mit Nierentumor, das durch die Therapie das Augenlicht verlor, Orientierungsprobleme hatte und durch das „Happy Weekend“ einen Schub für seine Persönlichkeit bekam. „Die Kleine kommt mit der Sehbehinderung jetzt besser zurecht“, freut sich die Flachgauerin.

Frohe und sorgenfreie Tage beim "Happy Weekend"     Foto: PrivatFrohe und sorgenfreie Tage beim "Happy Weekend" Foto: PrivatZirkusdompteurin wollte die Tochter eines LKW-Fahrers als Kind werden. Heute bereitet sie mit ihren „Happy Weekends“ jungen Patienten Spaß durch all die abwechslungsreichen Erlebnisse, die sie auf dem ehemaligen Bauernhof gestaltet. „In Salzburg und in Traunstein werden die Termine bei der Kinderkrebshilfe bekannt gegeben“, erzählt Sabina Sigl. „So können sich die jungen Patienten bei mir anmelden“. Zwölf Kinder können jeweils betreut werden. Darunter sind akute, aber auch geheilte Krebsfälle sowie gelegentlich Geschwister der Teilnehmer. Manche Kinder kommen immer wieder. 

Die Anreise in die „Kidsfarm“ erfolgt jeweils am Freitag. Man lernt sich kennen. Es wird beratschlagt „was kochen wir“. Der Hof wird angeschaut, Pflegetiere werden ausgesucht – Katzen, Hunde, Schafe, Ziegen, Hühner, Schweine, Pferde. Wer gerne reiten möchte, kann das tun. Die Kinder werden neben vielen anderen Aktivitäten in die Kunst des Pferdeflüsterns eingewiesen, lernen, mit dem Tier zu kommunizieren. Geschlafen wird im Indianer-Tipi bzw. Matratzenlager. Am Samstag ist Grillabend, „ausnahmsweise mit echten Würsten, keinen vegetarischen“, sagt Sabina Sigl augenzwinkernd. „Das ganze hat einen Pipi-Langstrumpf-mäßigen Charakter“, lacht sie. „Aber genau das mögen die Kinder“. Sie ist überzeugt davon, dass es die Aufgabe jedes Menschen ist, eine Sinn erfüllende Aufgabe zu finden. „Jeder Mensch ist auf der Welt um glücklich zu sein“, sagt die 42-Jährige. „Als Kranker denkt man, man sei vom Glück nicht gesegnet. Aber Krankheit ist ein Wegzeiger, um das Glück zu finden. Es zeigt, dass irgend etwas nicht gepasst hat. Oft dauert es etwas länger, bis man seinen Weg findet“.

Diesen hat Sabina Sigl für sich selbst gefunden. Sie, die aufgrund schicksalhafter Verwicklungen keine eigenen Kinder haben kann, ermöglicht mit ihrer Initiative fremden Kindern, das Schicksal leichter zu meistern.                                                                                                                            

Lutz A. Kilian
(erschienen in Ausgabe 25, Juli 2014)

                   

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