Stefan Nathan Lange

Stefan Nathan Lange
Foto: Privat

Ein Blinder geht zu Fuß nach Brüssel

Der lange Weg eines unzufriedenen Bürgers ins Zentrum der Europapolitik

Mangelnde Zielstrebigkeit kann man ihm nicht nachsagen: Wenn Stefan Nathan Lange aus Oberbrunn bei Pittenhart einen Entschluss gefasst hat, dann führt er ihn auch aus. So machte er sich im Frühjahr 2012 auf eine unglaubliche Reise, um „denen in Brüssel“ seine Vorstellungen von einer menschlicheren Welt nahe zu bringen. 

Voraus gegangen war ein Gespräch mit Lebenspartnerin Barbara. „Sie sagte zu mir: „Willst du nicht mal nach Berlin gehen und den Politikern sagen, dass wir, das Volk, diese Politik nicht mehr mit machen?“, erinnert sich Stefan Nathan Lange. „Ich hielt die Idee für gut“, erzählt er. „Eine innere Stimme sagte mir allerdings, geh‘ nicht nach Berlin, geh‘ gleich nach Brüssel.“ Wobei „gehen“ hier im wahrsten Sinne des Wortes gemeint ist. „Ich wollte für mein Anliegen öffentlich Aufmerksamkeit erwecken, deshalb sollte es ein Fußmarsch werden“, sagt der 53-Jährige. „Ich versuchte, meine Absicht in den Medien publik zu machen, aber es hat die Verantwortlichen nicht interessiert“, erzählt er. „Weder BR, noch dpa, WDR oder Hessischer Rundfunk stuften das Vorhaben als wichtig genug ein, um darüber zu berichten.“

Mit einem Trolley als Behältnis für die nötigsten Utensilien macht sich der gebürtige Dortmunder, der seit neun Jahren im Chiemgau lebt, auf seinen fast 900 Kilometer langen Weg. Eine großartige Leistung schon für einen „normalen“ Menschen. Für Stefan Nathan Lange eine besondere Herausforderung. Denn ein Gendefekt führte dazu, dass mit steigendem Lebensalter sein Augenlicht schwand. Heute nimmt er nur noch schwache Helligkeitsunterschiede wahr. So dient ihm ein gesponsertes Navi, speziell für Fußgänger und mit akustischer Ansage, als Hilfsmittel bei seiner Wanderung. Aber: „Das Gerät arbeitet nicht genau. Ich war gezwungen an der Straße zu gehen, um mit dem Langstock tasten zu können. Im Gelände hat es gar nicht funktioniert“, erklärt der Blinde.

Aufgewachsen ist er in Laichlingen im Rheinland als Sohn eines Managers, der für den Computerkonzern IBM tätig war. Nach der Schule und elektrotechnischen Ausbildung studiert er Informatik. Anfang der 1980er Jahre lebt er in einer anthroposophisch orientierten Gemeinschaft. Beschäftigt sich mit Politik und Gesellschaft. Bricht sein Studium ab. „Nach dem Praxissemester wusste ich, dass ich nicht in die Wirtschaft gehen will“, erzählt Stefan Nathan Lange. „Ich habe mich dann als EDV-Berater und Software-Entwickler selbständig gemacht“. Ein Schlüsselerlebnis führt schließlich zu einem kompletten Umschwung und der damals 32-Jährige kehrt der Computerwelt den Rücken. Er wendet sich Dingen zu, die sich nicht auf der Basis von Rechenabläufen erfassen lassen. „Die intensive Beschäftigung mit der Anthroposophie brachte mich meinem eigenen Selbst näher“, sagt er heute im Rückblick. „Und so machte ich mich auf den Weg, alte Muster und Blockaden in einem zweijährigen therapeutischen Prozess aufzulösen“, fügt er hinzu. In Folge absolviert er eine Shiatsu-Ausbildung, erwirbt an der Heilpraktikerschule medizinische Grundkenntnisse. Macht anschließend eine dreijährige Ausbildung zum Schamanischen Therapeuten. Immer mehr festigt sich in ihm der Gedanke, dass in der Öffentlichkeit ein Bewusstseinswandel stattfinden müsse. „Es gibt nur wenige Dinge, die ein Mensch braucht, um ein erfülltes Leben zu führen“, ist er überzeugt. Auf Basis dieser Erkenntnisse ist der Inhaber eines Seminarhauses nun unterwegs, um seine Grundgedanken zum Thema einer neuen Weltordnung, die sich aus dem Klammergriff des Macht- und Geldsystems löst, den Europa-Politikern vorzutragen. 

"Die Kraft der Veränderung" steht auf dem belgischen Wahlplakat – ein Motto auch für Stefan Nathan Lange (Foto: Privat)"Die Kraft der Veränderung" steht auf dem belgischen Wahlplakat – ein Motto auch für Stefan Nathan Lange (Foto: Privat)Er bewältigt eine Tour, die insgesamt sieben Wochen dauert und die er in 36 Etappen von jeweils 20 bis 30 km zurück legt. Viermal wird dem blinden Zwei-Meter-Mann dabei von Polizeibeamten die Mitfahrt im Streifenwagen angeboten. Immer wieder gibt es unterwegs Einladungen zum Essen und zum Übernachten. Kurz vor dem Ziel jedoch steht er vor dem Scheitern seiner Pilgerreise: Das Parlamentsviertel ist abgeschottet wie eine Festung, der Besuch von Privatpersonen bei Politikern nicht vorgesehen. Doch davon lässt sich Stefan Nathan Lange nicht entmutigen. „Ich habe von meinem Laptop aus emails verschickt“, berichtet er. Schließlich räumt ihm die persönliche Assistentin von EU-Kommissar Laszlo Andor, welcher für Integration, Arbeit und Soziales zuständig ist, kurzfristig einen Gesprächstermin ein. 

„Wir wurden als die ,Delegation aus Bayern‘ vorgestellt“, erzählt der Idealist mit einem Schmunzeln. Die Gruppe besteht aus ihm selbst, seiner Lebensgefährtin, dem Ehepaar, welches das Blinden-Navi gesponsert hatte und deren Tochter, die gemeinsam mit dem Auto nachgereist waren. „Laszlo Andor hat mich angehört und ich konnte ihm meine Gedanken nahe bringen. Fazit meiner Aktion: Ich denke, ich habe den Kommissar und seine Mitarbeiterin gerührt und viele Menschen unterwegs bewegt. Das sehe ich für mich als Erfolg“, freut sich Stefan Nathan Lange. 

Ein weiteres Ziel würde er gerne erreichen: „Ein freier Mensch zu werden, sich aus Systemzwängen zu befreien“, wie er sagt. Und ein Motto hat er immer „im Blick“: „Obwohl ich fast blind bin, verschließe ich nicht die Augen vor dem, was in der Welt nicht in Ordnung ist!“                                                                                                                    

Lutz A. Kilian
(erschienen in Ausgabe 24, März 2014)

                   

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