Irmelind Klüglein

Irmelind Klüglein
Foto: Lutz A. Kilian

Und wenn sie nicht gestorben sind ...

Eine Chiemgauerin baut mit ihren Märchen Brücken in die „Anderswelt“

„Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen“, heißt es in einem alten Sprichwort. Gereist ist sie viel und die Geschichten die sie kennt, würden ganze Bücher füllen. So nimmt es nicht Wunder, dass Irmelind Klüglein aus Bergen bei Traunstein zu ihrer Passion gefunden hat: Als Märchenerzählerin entführt sie ihr Publikum ins Reich der Fantasie.

Nicht immer befasste sie sich mit Elfen, Zwergen, Riesen und ähnlichen mystischen Gestalten. Fachlehrerin für Sport und Kunst war sie ursprünglich in ihrer Heimatstadt Nürnberg. Zwei Jahre lang hat sie diesen Beruf auch ausgeübt. „Doch dann hat mich die weite Welt gerufen“, berichtet sie im Rückblick. „Mein Ehemann, der jetzt in Rente ist, war Kapitän“, erzählt sie. „Und so beschloss ich eines Tages, aus dem Alltag auszubrechen und mit ihm auf große Fahrt zu gehen“. Auf seinem Frachtschiff heuert sie als Köchin an und fährt sieben Jahre lang über die Ozeane. „Meine Reisen waren Nahrung für die Märchen, die ich schreibe. Die Stürme, die Meere haben mich inspiriert“, erinnert sich Irmelind Klüglein. „Denn viele Märchen, die ich erzähle, erfinde ich selber.“ Sie schöpft aber auch aus einem großen Fundus von Geschichten aus aller Welt, wobei ihr die Mitgliedschaft im Märchenring Chiemgau zugute kommt, wo sie sich mit anderen Erzählerinnen austauscht. Märchen sind nach ihrem Verständnis die Verbindung in einen Bereich des menschlichen Gefühls(er)lebens, den sie „Anderswelt“ nennt. „Früher sind Märchen von Erwachsenen für Erwachsene erzählt worden“, erklärt die 67-Jährige. „Weil es kein Fernsehen und kein Radio gab. Es waren Erzählungen von der Jagd, über Träume, über Ängste, über Wahrnehmungen. Eine Art Psychohygiene. Märchen sind so alt wie die menschliche Sprache. Sie wurden immer mündlich weiter gegeben.“ Heute werden meist junge Zuhörer durch die bunten Geschichten unterhalten. Wenn Irmelind mit Hingabe erzählt, wird ihr Publikum mitgerissen in die Anderswelt. Die Mutter von zwei erwachsenen Kindern untermalt ihre Ausführungen durch besonderen sprachlichen und stimmlichen Einsatz. „Ich sehe die Abläufe, die ich erzähle, vor meinem inneren Auge und beschreibe sie meinen Zuhörern“, erklärt sie. „Diese entwickeln dazu eigene Bilder. Es wird ihnen nichts Fertiges vorgesetzt wie im Fernsehen oder im Video. So können sie ihrer Fantasie Spielraum geben in einer Welt, wo sonst alles vorgegeben ist.“ Als weiterer wichtiger Aspekt erscheint ihr, dass Märchen positives Denken fördern. „Sie zeigen immer wieder, dass das Böse zwar da ist, aber dann verschwindet, erklärt Irmelind Klüglein. „Der Held zeigt, dass man mit bedrohlichen Situationen fertig werden kann. Die Märchen vermitteln Hoffnung und Zuversicht, da sie immer gut enden.“ 

 Irmelind Klüglein entführt ihr Publikum ins Reich der Fantasie   (Foto: Privat) Irmelind Klüglein entführt ihr Publikum ins Reich der Fantasie (Foto: Privat)Von der „Anderswelt“ im Märchen ist es nur ein kleiner Schritt in die „nicht alltägliche Wirklichkeit“, die den Schamanismus auszeichnet. So war Irmelind Klüglein Initiatorin der schamanischen Trommelgruppe Traunstein und ist Mitglied der Schamanischen Initiative München. „Denn Märchen und Mythen schlagen mit ihrer Bildsprache eine Art Brücke zur schamanischen Welt, weil deren Wurzeln ebenso in die Frühzeit der menschlichen Entwicklung zurück gehen“, erklärt sie.

Wer sich so viel auf der Ebene des Geistes bewegt, achtet natürlich darauf, sich zu „erden“. Das erreicht die Tochter eines technischen Kaufmanns durch den Sport. Und dieser war es letztlich auch, der die gebürtige Nürnbergerin vor vielen Jahren in den Chiemgau übersiedeln ließ. „Das Segeln am Chiemsee, die Berge, die vielfältigen Möglichkeiten zum Skifahren haben mich gereizt“, sagt sie im Rückblick. Wobei sie zum Skifahren eine besondere Verbindung hat. Nicht nur im Chiemgau. Regelmäßig nimmt sie an den Seniorenweltmeisterschaften im Skilanglauf teil, wo sie schon drei mal den Weltmeistertitel gewonnen hat und einige Male den zweiten und dritten Platz errang. Eine weitere Verbindung zur Erde hat sie durch ihre Tätigkeit als Naturführerin im Ökomodell Achental. „Ich gehe mit kleinen und großen Menschen auf die Wiese und erzähle ihnen etwas über Heil- und Giftpflanzen, wir schauen die Hecken an, die Wildpflanzen, die Beeren und ich erzähle immer ein Märchen dazu“, lächelt sie.

Seit 1982 lebt sie jetzt in Oberbayern, hat aber immer noch Kontakte in die „alte Heimat“: Der Kulturkreis für fränkische Autoren lobt alle zwei Jahre einen Preis aus. Mit der Erzählung „Der Ruf eines Stummen“ errang sie 2012 den dritten Platz bei dem Wettbewerb. Auch diese Geschichte hatte im weiten Sinne mit der Märchenwelt, bzw. dem Verlust derselben, zu tun.

„Die Zahl der Märchenerzähler hat zugenommen“, hat Irmelind Klüglein erkannt. „Diese schöne Beschäftigung ist heute mehr verbreitet als vor 20 Jahren. In der Fülle des Globalen sucht der Mensch wieder seine Wurzeln“, erklärt sie überzeugt. Sie gibt Seminare für Eltern und Erzieherinnen, um ihr spezifisches Wissen zu vermitteln. Und sie vertritt ihre spezielle Philosophie: „Das ganze Leben ist ein Märchen, mal schrecklich, mal schön“. 

Es gibt für das Märchen keine bestimmten Orte, und keine spezielle Zeit, der Hörer baut eigene Konstrukte. Aber bei den Protagonisten steht eines fest: Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute ...  

Lutz A. Kilian
(erschienen in Ausgabe 23, November 2013)

 

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