Ingrid Lischke

Ingrid Lischke
Foto: Lutz A. Kilian

"Was man gern tut, macht man gut"

Eine blinde Traunsteinerin meistert ihr Leben und gibt anderen Betroffenen wertvolle Unterstützung.

Einst hat die Entscheidung für das Leben Ingrid Lischke das Augenlicht gekostet. Eine Entscheidung, die andere Menschen für sie getroffen haben, als sie viel zu früh zur Welt gekommen war. Die Klinikärzte hatten nur die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten: Die Gabe von Sauerstoff in hoher Konzentration mit der Gefahr, damit schwere Netzhautdefekte zu verursachen. Oder den Verzicht darauf, was wahrscheinlich den Tod des Kindes zur Folge gehabt hätte.
 
Der Sauerstoff ließ das Frühchen überleben – mit den befürchteten Konsequenzen: Die Augen wurden irreparabel geschädigt. „In meiner Kindheit konnte ich noch hell und dunkel unterscheiden“, erzählt die heute 55-Jährige. Damals besuchte sie noch eine „normale“ Schule und nahm dabei große Anstrengungen in Kauf. Später schwanden auch die Reste von Sehvermögen. „Mit 15 Jahren erblindete ich völlig“, erinnert sich die Traunsteinerin.
 
Es folgte der Übertritt an die Bayerische Landesschule für Blinde in München mit angeschlossenem Internat. Dort erlernte sie innerhalb kurzer Zeit „Braille“, die Blindenschrift, die aus erhabenen Punkten besteht und mit den Fingern ertastet wird. Mit großer Energie absolvierte sie das Mobilitäts- und Orientierungstraining, machte sich vertraut im Umgang mit dem Langstock, um sich mit der so genannten Pendeltechnik in gewohnter und fremder Umgebung zurecht zu finden. Und in diese Zeit gehen die Anfänge für Ihre heutige Tätigkeit zurück. „Damals fand an einem Wochenende, an dem ich zu Hause war, ein Infotreffen im Bürgerbräu Reichenhall statt, das mein Vater mit mir besuchte“, erinnert sich Ingrid Lischke, die aus dem Reichenhaller Ortsteil Karlstein stammt. Veranstalter war der Bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund. In zunehmendem Maße engagierte sich die junge Frau neben ihrer Schulausbildung in Folge für den Verein. Als 19-Jährige wird sie Mitglied im Bezirksgruppenausschuss, später zur Kreisbeauftragten berufen und ist heute Blinden- und Sehbehindertenberaterin für die Landkreise Berchtesgadener Land und Traunstein. Zunächst machte sie jedoch die Mittlere Reife und absolvierte anschließend eine Lehre zur 
Ingrid Lischke mit dem Langstock          Foto: Lutz A. KilianIngrid Lischke mit dem Langstock Foto: Lutz A. Kilian
Phonotypistin. Mit Erfolg legte sie die Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer ab.
 
„1978 habe ich dann im Arbeitsamt Traunstein als Schreibkraft angefangen“, berichtet Ingrid Lischke. Eine blinde Frau als Schreibkraft? „Ja sicher“, lacht sie. „Die Texte kamen vom Tonband und im 10-Finger-System tippte ich perfekt auf der Maschine.“ Um berufliche und ehrenamtliche Aktivitäten besser miteinander vereinbaren zu können, übersiedelt sie schließlich nach Traunstein, wo sie sich eine Wohnung mietet. Bald verlagert sich an ihrer Arbeitsstelle ihr Tätigkeitsbereich in die Berufsbe­ra­tung für Be­hinderte. Ihr Augenleiden macht zwischendurch immer wieder Operationen nötig. Doch die­se bringen keinen Erfolg und sie findet sich mit ihrer Einschränkung ab: „Sachen, die man nicht beeinflussen kann, muss man akzeptieren“.
 
Wie kommt ein blinder Mensch im Alltag zurecht? „Man wird jeden Tag an seine Behinderung erinnert“, erklärt Ingrid Lischke. „Man stösst ständig an Grenzen“. Schon das morgendliche Anziehen gestaltet sich schwierig, weil es ohne Farbinformation schwer möglich ist, Kleidungstücke zu kombinieren. Auch der Besuch eines Supermarkts oder das Essen in einem Lokal kann mit Erschwernissen verbunden sein, die es für Sehende nicht gibt. Doch ihr Ehemann Dieter, mit dem sie seit 25 Jahren verheiratet ist, leistet ihr Hilfestellung im Alltag und ist ihr Chauffeur, wenn sie ihre zahlreichen Aufgaben im Rahmen ihres Ehrenamts wahrnimmt. Da sind immer wieder Hausbesuche im gesamten Landkreis zu machen, da ist der Blindenstammtisch einmal im Monat und da sind die zahlreichen Schulbesuche, bei denen sie bei Kindern das Bewusstsein für den Umgang mit behinderten Menschen wecken möchte.
 
Ihr Ehemann stand auch an ihrer Seite, als ein weiterer Schicksalsschlag ihr Leben erschütterte. Eines Tages ertastete sie einen Knoten in Ihrer Brust: Krebs. Es folgten Chemotherapie, Operation, Bestrahlungen. „Es war nicht einfach für mich“, blickt Ingrid Lischke zurück. „Doch ich hatte kein so großes Problem damit umzugehen, wie z. B. ein Mensch, der nicht bereits mit einer Behinderung lebt“. Das war vor 9 Jahren. Heute gilt sie als geheilt.
 
Seitdem sie nicht mehr berufstätig ist, umfasst ihr freiwilliges Engagement einen Großteil ihres Tagesablaufs. Über eine spezielle Apparatur, mittels derer Bildschirminhalte in Blindenschrift übersetzt werden, kann sie sogar Computertätigkeiten ausführen. Es macht ihr viel Spaß, anderen Menschen zu helfen. Und es ist schön für sie zu wissen, wenn sie jemandem Auftrieb geben konnte. „Wenn man etwas gerne tut, macht man es gut“, sagt sie mit Überzeugung. So beteiligt sie sich auch aktiv an der Arbeit der Selbsthilfekontaktstellen in Traunstein und im Berchtesgadener Land.
 

In ihrer freien Zeit bewegt sie sich gerne in der Natur, Bergwandern bereitet ihr große Freude. Und sie interessiert sich für Gesundheitsthemen aller Art. „Wenn ich gesehen hätte, dann hätte ich einen Beruf aus dem Gesundheitswesen gewählt“, stellt ingrid Lischke fest. „Gesundheit ist das Wichtigste. Alles andere kann man selber richten.“                   

Lutz A. Kilian
(erschienen in Ausgabe 21, Juni 2013)

 

 
 
 
 
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