Wolfgang Moritz

Wolfgang Moritz
Foto: Lutz A. Kilian

Ein Chiemgauer Hobby-Ethnologe sieht die Hilfe für bedrohte Naturvölker als Aufgabe

Auf dem Wohnzimmertisch von Wolfgang Moritz aus dem Marquartsteiner Ortsteil Piesenhausen liegt ein Weltatlas. Doch darin nachschlagen muss der 61-Jährige nur selten. „Ich hatte schon als Jugendlicher die ganze Welt im Kopf“, stellt er rückblickend fest. Über dreißig Reisen hat er im Laufe seines Lebens unternommen. Und wer dabei an Pauschal-Urlaube mit Vollpension denkt, liegt gründlich daneben.

Den indigenen (eingeborenen) Völkern rund um den Äquator gilt die Aufmerksamkeit des Chiemgauers. „Diese Menschen haben keine Lobby“, erklärt er. „Ihre Heimat wird ausgebeutet, zerstört.“ Das Ausmaß des Raubbaus wird ersichtlich, recherchiert man kurz im Internet: Den Angaben zufolge wird jede Minute Regenwald in der Größe von 35 Fußballfeldern vernichtet.

Das Interesse an fremden Völkern entstand schon während der Schulzeit mit Erdkunde als Lieblingsfach. So oft es ihm möglich war, widmete sich der Bauernsohn entsprechender Literatur. Fasziniert „verschlang“ er Bücher über die Forschungsreisen von Stanley, Livingston und Cook. Der Vorsatz nahm in ihm Gestalt an, all die beschriebenen Völker und Kontinente selbst zu erkunden. Doch dieses Ziel lag vorerst noch in weiter Ferne. Zunächst absolvierte er die landwirtschaftliche Fachschule, übernahm später den elterlichen Hof im Nebenerwerb und arbeitete hauptberuflich beim Milcherzeugerring Traunstein. Ab Mitte der 1980er-Jahre schließlich konnte sich Wolfgang Moritz den langgehegten Wunsch endlich erfüllen und unternahm mit mühsam erspartem Geld erste Reisen, die ihn nach Südamerika, Afrika und Asien führten. Viele weitere sollten folgen. „Erst war es nur Abenteuerlust“, erklärt er nachdenklich. „Doch abseits der Touristenzentren kam ich mit der Problematik der Zerstörung und Diskriminierung in Kontakt.“ Schnell erkannte er die Bedrohung, die von der modernen Welt ausgeht. „Wir leben nur gut, weil die Lebensräume der Naturvölker ausgebeutet, diese Menschen bestohlen werden,“ erklärt der Marquartsteiner traurig. Als Beispiel nennt er große Palmölpflanzungen, die das Grundprodukt für Agrodiesel liefern und für deren Platzbedarf der Regenwald genau so vernichtet wird, wie für die Anlage von Weideland für Rinder, die später zu Hamburgern verarbeitet werden.

Wolfgang Moritz zeigt im Weltatlas eines seiner Reiseziele (Foto: Lutz A. Kilian)Wolfgang Moritz zeigt im Weltatlas eines seiner Reiseziele (Foto: Lutz A. Kilian)Andere Beispiele folgen: „In West-Papua liegen ertragreiche Gold- und Kupferminen. Für den Abbau werden große Mengen Zyanid eingesetzt. Die Rückstände lassen Pflanzen und Tiere sterben. In Ecuador lässt die Regierung im Nationalpark mit verheerenden Folgen nach Erdöl bohren, die Ureinwohner wurden vertrieben. Einen besonders tragischen Fall für eine Umsiedelungsaktion stellt das Schicksal des Stammes der Batak auf der Insel Palawan dar. Hier sah die Regierung in den Eingeborenen eine Art „Schande“ der Gesellschaft und siedelte die Bergbewohner an die Küste um, wo sie das Klima nicht vertrugen und von Malaria befallen wurden. Tief betroffen erinnert sich Wolfgang Moritz an Padao, den Häuptling. „Er war der Letzte seines Volkes. Er wollte in die Heimat zurück. Ich fand ihn sterbend im Urwald.“
Der Hobby-Völkerkundler wird auf seinen Reisen immer wieder mit Elend und Zerstörung konfrontiert. „Das alles zur Kenntnis nehmen zu müssen, ist traurig, aber das Wissen allein nutzt keinem“, erklärt er mit Nachdruck. So wuchs der Wunsch in ihm, Veränderungen herbeizuführen. „Und seitdem ich nicht mehr berufstätig bin, verbringe ich einen großen Teil meines Tagesablaufs damit, mich in vielerlei Weise zu engagieren“, erzählt er. In diesem Zusammenhang führt er z. B. regelmäßig Korrespondenz mit den großen Ölfirmen und macht auf Missstände aufmerksam. Er steht mit dem Büro von Ilse Aigner in Verbindung, die als Verbraucher- und Landwirtschaftsministerin in vielen Bereichen mit seinen Themen in Berührung kommt. Er ist Mitglied bei einer Reihe von Organisationen, wie z. B. „Rettet den Regenwald e.V.“, „Freunde der Naturvölker“ und „Greenpeace“. Der „Motoro“, wie er liebevoll von seinen eingeborenen Freunden genannt wird, hat auch schon für massiven Ärger gesorgt, als er in Baumärkten gegen den Verkauf von Tropenholz protestierte. „Man hat mich rausgeschmissen und die Polizei geholt, wegen Geschäftsschädigung“, sagt er. „Dabei haben für dieses Holz Menschen sterben müssen.“ Es sieht sich nicht als Einzelkämpfer. „Nicht ich allein erreiche Erfolge – man könnte mehr bewirken, wenn man mehr Menschen aktivieren könnte“, erklärt der Junggeselle, der mit seinem unsteten Leben nie eine Belastung für eine Familie sein wollte. Die Vereine, in denen er aktiv ist, haben schon Projekt-Aufschübe oder -einstellungen erreicht. Beim Bau des Belamonte-Staudammes in Brasilien wurde ein sofortiger Baustopp verfügt, weil das Vorhaben gegen die Rechte der indigenen Gruppen am Xingu-Fluß verstößt.

„Das Geld für meine Reisen muss ich mir im Alltag sparen“, sagt Wolfgang Moritz. „Ich bin ein genügsamer Mensch“, charakterisiert er sich selbst. So kann er sich auch weiterhin für indigene Völker und den Erhalt ihres Lebensraumes einsetzen. Und sein größter Wunsch wäre in diesem Zusammenhang, dass sofort sämtliche Regenwälder unter Schutz gestellt werden, so dass kein einziger Baum mehr gefällt werden kann.

Lutz A. Kilian
(erschienen in Ausgabe 20, März 2013)

          

 

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