Pflegeversicherung im Fokus

Pflegetätigkeiten werden künftig neu bewertet Pflegetätigkeiten werden künftig neu bewertet
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Geplante Änderungen im Bewertungssystem werfen viele Fragen auf 

Wie der Presse bereits zu entnehmen war, wird die Pflegeversicherung im Jahr 2017 einer grundlegenden Reform unterzogen. Dies beinhaltet eine neue Form der Berechnung der Pflegebedürftigkeit. Es ergeben sich dadurch einige wichtige Änderungen. Bisher wurden die Pflegegelder nach Pflegestufen zugesprochen. 

Es gab 3 Pflegestufen, die an den Pflegezeiten, die für die Grundpflege nötig waren, orientiert waren. Für 45 Minuten Grundpflege und 45 Minuten hauswirtschaftliche Versorgung gab es die Pflegestufe 1. Bei 120 Minuten Grundpflege die Pflegestufe 2 und bei 240 Minuten die Pflegestufe 3. Dabei wurden die einzelnen Pflegetätigkeiten in Minuten bewertet. 

Dieses System wird nun abgeschafft und durch ein neues, leider auch komplizierteres, ersetzt: In Zukunft werden einzelne Pflegetätigkeiten danach beurteilt, ob eine geringe Beeinträchtigung der Selbständigkeit oder eine erhebliche Beeinträchtigung der Selbständigkeit, eine schwere Beeinträchtigung der Selbständigkeit, eine schwerste Beeinträchtigung der Selbständigkeit oder eine schwerste Beeinträchtigung der Selbständigkeit mit besonderen Anforderungen für die pflegerische Versorgung vorliegen. Dies sind 5 Pflegegrade. Das Modul 1 enthält die Mobilität, das Modul 2 die kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten, das Modul 2 zusammen mit dem Modul 3 das Verhalten und die psychischen Problemlagen. Das Modul 4 ist die Fähigkeit zur Selbstversorgung mit Körperpflege, Toilettenbenutzung, usw., das Modul 5 die Bewältigung von krankheits- und therapiebedingten Anforderungen und Belastungen, z.B. Medikationsversorgung o.ä. und das Modul 6 enthält die Gestaltung des Alltagslebens und soziale Kontakte. Die Module sind gewichtet: das Modul 1 mit 10%, die Module 2 und 3 mit insgesamt 15%, das Modul 4 mit 40%, das Modul 5 mit 20% und das Modul 6 mit 15%.

In Folge ergibt sich ein Rohpunktesystem, bei dem einzelne, innerhalb der Module aufgeworfene Fragen danach bewertet werden, ob zum Beispiel das selbständige Kämmen der Haare vollständig möglich, teilweise möglich, kaum möglich oder gar nicht möglich ist. Aus dieser Beurteilung einzelner Tätigkeiten summiert sich ein Rohpunktestand, der entsprechend der Gewichtung in eine Gesamtpunktzahl umgerechnet wird. Somit wird bis unter 27 Punkte der Pflegegrad 1, bis unter 47,5 Punkte der Pflegegrad 2, bis unter 70 Punkte der Pflegegrad 3, bis unter 90 Punkte der Pflegegrad 4 und bis 100 Punkte der Pflegegrad 5 vergeben. Statt wie bisher 38 Grundpflegetätigkeiten zu beurteilen werden in Zukunft über 130 Einzelfragen gestellt werden. Das neue Modell soll alle mindestens gleich gut oder besser stellen. Die Ergebnisse werden mit Spannung zu verfolgen sein. Im Ergebnis wird es so sein, dass sich die Streitfälle vermehren. 

Während bisher sinnvollerweise Streitigkeiten um die Pflegestufe nur begonnen wurden, wenn eine höhere Pflegestufe wenigstens beinahe erreicht war, also weniger als 20 Minuten auf die nächste Pflegestufe gefehlt haben, werden jetzt bei der Feststellung der Pflegegrade wesentlich mehr Grenzbereiche erreichbar sein und darüber hinaus eine Vielzahl von neuen Stellschrauben geschaffen. Es ist abzusehen, dass in vielen Fällen Bescheide ergehen werden, mit denen die Betroffenen nicht zufrieden sein werden, zumal jetzt die einzelnen Tätigkeitsbereiche im Rahmen der Grundpflege nicht mehr mit Minuten bewertet werden, sondern mit Bewertungen im Sinne von ganz selbständig oder weniger selbständig, über die man immer gut streiten kann. Man darf gespannt sein, wie diese neue Bewertung sich anlässt.

Mit dem neuen Bewertungssystem im Frühjahr 2017 dürften sich für viele Betroffene Probleme auftun. Um Nachteile zu vermeiden scheint es geraten, sich in solchen Fällen fachmännischen Rat einzuholen. Das kann auch einen Gang zum Rechtsanwalt bedeuten.                   

Stefan Conrads
(erschienen in Ausgabe 31, Juli 2016)

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