Schönheit und Geheimnis

Die Schwertlilie "Iris" ist eine der schönsten Blumen im Achental und um den Chiemsee Die Schwertlilie "Iris" ist eine der schönsten Blumen im Achental und um den Chiemsee
Foto: Sinzinger

Naturbegegnung fördert subtile und freudige Wahrnehmungen

Man stelle sich einen Regenbogen vor: so einen, wie er namensgebend für diese Zeitschrift ist oder in Erinnerung an die letzte Gewitterstimmung. Der „Regenbogen“ ist ein meteorologisches Phänomen, bei dem sich das Sonnenlicht in den Tröpfchen des Regens spektral aufspaltet und jene farbige Erscheinung in die Atmosphäre „zaubert“.  

Nimmt man das griechische Wort für Regenbogen, „Iris“, hinzu, wird damit das die Augenfarbe bestimmende Organ des Auges und auch die Schwertlilie, eine der schönsten Blumen feuchter Wiesen im Achental und um den Chiemsee, bezeichnet. 

In der griechischen Mythenwelt ist Iris – die Göttin des Regenbogens – eine Mittlerin zwischen den Göttern und der Welt. Und betrachtet man einen Regenbogen, so wird damit – ähnlich dem Anblick des klaren Sternenhimmels – immer auch eine subtile Empfindung von Schönheit und Geheimnis einhergehen. Neben die naturwissenschaftliche Interpretation gesellt sich eine Art Ergriffenheit, eine meist nur stille und kaum wirklich bewusste Ahnung über tiefere Dimensionen der Natur. 

Was bei Sternenhimmel und Regenbogen deutlicher empfunden wird, kann aber auch bei jeder Betrachtung von Naturaspekten Realität werden. Mag als Beispiel hier noch einmal die Schwertlilie, die Iris dienen. Ihren wissenschaftlichen Namen erhielt sie vom großen Pionier der wissenschaftlichen Systematik, von Carl von Linné. Man muss bei ihm einen geradezu genialen Beobachtungs- und Ordnungssinn vermuten, dazu aber auch noch eine fast poetische Liebe zur Natur – so dass er eben die Iris  als „Iris“ und z.B. die Seerose als „Nymphea“ benannte. 

Wenngleich nun im Herbst beide in ihren unterirdischen Organen ruhen, so lässt sich doch die Erinnerung an ihre „Hoch-Zeit“, an ihre Blüte, in die Erinnerung führen. Wie bei allen Pflanzen lässt sich ein gegensätzlicher Prozess beobachten: Die Pflanze wurzelt im Erdreich und erhebt sich mit dem Stängel über die Schwerkraft Richtung Himmel, zur Sonne, zu Licht und Wärme, welche aus den Weiten des Kosmos die Erde berühren. Mit der Blüte findet das Wachstum in aller Regel ein Ende: Schönheit in Farbe, Form und oftmals Duft entfaltet sich. Die „Lilie auf dem Felde ist schöner als Salomo in seiner Pracht“ und vermittelt im übertragenen Sinn zwischen Himmel und Erde, zwischen der „Sphäre der Götter“ und dem Menschen.

Diese bewusste, sachlich-naturkundlich interessierte Ausrichtung, gepaart mit einem feineren, ästhetischen und sogar poetischen Sinn kann tieferen Aspekten der Natur „begegnen“.  „Naturbegegnung“  geht dabei von einer Beseeltheit des Menschen aus und will subtilere, freudige Wahrnehmungen fördern. Durch ein vielfältiges Beobachten und In-Beziehung-Treten zur Natur in ihrer ganzen „Themenbreite“: zu den Jahreszeiten mit ihrem charakteristischem Ausdruck, zu den spezifischen Ausprägungen der Landschaft und damit auch den kulturellen Aspekten, welche durch den Menschen geschaffen sind. Und natürlich den Blumen und Pflanzen, welche der Erde ihr grünes und buntes Kleid schenken und die von der Bewegtheit von Insekten, Vögeln und anderen Tieren differenziert und belebt wird.

Sowohl die Heimat als auch fernere Ziele können in der Begegnung tiefer erlebt und erkannt werden, ein innigerer Bezug von Natur und Mensch, von äußerer Aktivität und innerem Erleben kann entstehen. Die oftmals übersehenen oder unerkannten Wesenszüge in Landschaft, Pflanzen und Tieren treten still in Bezug zu inneren Qualitäten des Menschseins und Wirken so auf „innen“ und „außen“ förderlich und harmonisierend, sie schenken Erkenntnis und Freude.

Martin Sinzinger
(erschienen in Ausgabe 26, November 2014)

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