Klettern für Leib und Seele

Beim Bouldern nutzt man Kerben, Risse und Vorsprünge im Fels Beim Bouldern nutzt man Kerben, Risse und Vorsprünge im Fels
© Alexander Rochau / fotolia

Bouldern kann körperliche Fitness und die Fähigkeit zum strategischen Denken fördern

Körperliche Aktivitäten treten jetzt im Frühjahr wieder mehr in den Vordergrund. Dazu gehört auch das „Bouldern“, ein trendiges Freizeitvergnügen, das heute von vielen Menschen gepflegt wird, die sich fit halten möchten. Populär geworden ist diese Sportart bei uns vor allem in den 1990er-Jahren.

 Das englische Wort „Boulder“ heißt übersetzt „Felsblock“. Dies lässt ahnen, worum es sich handelt: Bouldern ist eine Form des Klet­terns und zwar ohne Siche­rungs­seil. Es kann an speziellen Kletterwänden in der Halle oder im Freien an Felsblöcken oder Fels­wänden ausgeübt werden. Boul­dern findet in Absprunghöhe statt und ist deshalb für die meisten gesunden Menschen geeignet. Man benötigt dazu Kletter­schu­he sowie einen „Chalk­­bag“, um die Griffig­keit der Hände zu erhöhen und eine Matte, auf die man im Notfall stürzt, das so genannte „Crash­pad“.

Wenn man dann, am besten mit einem Fachmann an der Seite, zum ersten Mal vor dem Felsen steht, ist es sicherlich eine Überraschung, dass erst einmal Kopf­arbeit gefragt ist. Das Ziel bei dieser Sportart ist es, den Felsen in so wenigen Kletterzügen wie mög­lich zu bewältigen, bei denen man es sich nicht leicht macht, sondern sich an den Kerben, Vor­sprüngen oder Rissen am Felsen festhält, die gerade noch greifbar sind. Bevor man anfängt, den Felsen zu erklimmen, macht man sich deshalb zunächst Gedanken darüber, in welche Richtung man steigt, welche Möglichkeiten man nutzen wird, um sich festzuhalten oder die Füße abzustützen. Man geht „den Boulder“ also gewissermaßen schon einmal in Gedan­ken durch. Als Anfänger wird man natürlich leichte Wege suchen. Trotzdem kann und wird es immer wieder passieren, dass dann im eigentlichen Verlauf festgestellt wird, dass die Strecke so nicht bezwingbar ist und andere Lösun­gen gefunden werden müssen. Wenn man einzelne Passagen immer wieder austestet, lernt man den Felsen immer besser kennen. Aber was viel wichtiger ist: Das Gefühl für sich selbst, für seine eigenen körperlichen und mentalen Fähig­kei­ten, erfährt im Laufe der Übungsstunden eine enorme Verstärkung. Man wird sich anfangs oftmals überschätzen, weil man die nötige Kraft für die gewählte Tour unterschätzt, oder weil einen dann doch der Mut verlässt. Aber man weiß mit jeder Übungsstunde immer besser, wie belastbar und gelenkig man ist, wo noch mehr Übung erfordert wird oder wo es sinnvoll ist, leichtere Klet­terzüge zu wählen, weil man sich sonst, körperlich oder auch psychisch, überfordert.  

Die körperlichen Veränderun­gen, die durch das Bouldern einsetzen, spürt man deutlich und weiß sie immer konkreter einzusetzen. Schon nach kurzer Zeit wird durch das Bezwingen der Fel­sen die Muskelkraft höher. Die Beweg­lichkeit in allen Gelenken wird durch diese spezielle Art des Klet­terns gefördert. Auch psychisch macht sich etwas bemerkbar: Man wird mutiger und selbstbewusster. Bouldern bietet also nicht nur körperliche Fitness, sondern auch die Erfahrung, wie gut es sich anfühlt, wenn man seine eigenen, körperlichen und geistigen Fähigkeiten immer besser ein­­zuschätzen weiß. Weitab vom Fel­sen, im alltäglichen Leben, kann sich dies positiv bemerkbar machen.

Menschen, die schon lange Zeit bouldern, haben dieses Wissen längst verinnerlicht und kennen ihren Körper sehr genau. Wer mit teils akrobatischem Geschick fast glatte Felsen erklimmt, hat lange geübt, bis er seine eigenen Mög­lichkeiten herausgefunden und entsprechend gefördert hat. Das Hochgefühl, das er dabei empfindet, dürfte deshalb höher sein, als der Felsen, den er erklettert. Dass man mit dem Bouldern einen gesunden Geist in einem  gesunden Körper fördert und erarbeitet und dabei auch noch in der freien Natur sein kann, sind gute Grün­de, es selbst einmal zu probieren.

Cornelia Mittermeyer
(erschienen in Ausgabe 17, März 2012)

 

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